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Fahrende Leute. 77
Am Ufer blieben die Schiffer ſtehn,
Aus der Zelle lauſchte die Nonne:
Noch niemals ſpielte im Tau ſo ſchön
Der Wundergluthauch der Sonne.
Bergelfen hatten ein Feierkleid
Gewebt um der Alpen Zinnen:
Der Hochgörn blinkend und friſch beſchneit,
Wie ein Freier im Hochzeitlinnen,
Der Teiſenberg, die Staufen auch
Getaucht in rotſchimmernde Düfte,
Eisblau, durchſichtig wie ein Hauch,
Des Wazmann fernheimliche Klüfte.
Mit Worten läßt ſich's erſchildern nicht
Und nicht mit Farben ermalen:
Mich dünkt, ſo purpurgetempert und licht
Muß das heilige Land erſtrahlen.
Drum ſei, o Sturm, auch du gelobt;
Wenn deine Donner mir ſingen,
Sprech ich fortan: Nur zugetobt,
Die Welt braucht Tau, ſich zu jüngen!
Winterdämmern.
Nebel tanzen auf den Wellen
Und im Duft entſchwand das Land ...
Heute will der Tag nicht hellen
Mondbleich loſch der Sonne Brand.
Wie ein Spiegel, dran man hauchte,
Starrt die Flut umtrübt und fahl,
Und in gleiche Trübnis tauchte
Ferne, Strand und Mühlental.
Wilde Enten fliehn und fludern
Schwarmweis aus dem Schilfbereich...
Wohlgeordnet iſt ihr Rudern,
Starken Schiffgeſchwadern gleich.
In der uferloſen Weiten
Silbergrauen Dämmerſchein
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