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Anaſtaſios der Byzantiner. 87
Neu mit jedem Tage zwingt er
Mir die Träne in den Bart.
Traure, ſtolze Meeresfeſte,
Marmorherrliches Byzanz,
Rauchgeſchwärzt ſteht der Paläſte,
Steht der Kirchen alter Glanz;
Bild und Kunſt, geliebt von allen,
Sinkt, geſtürzt von wildem Troß;
In der Themis Säulenhallen
Schirrt des Franken Knecht ſein Roß.
Edelſtein von altem Schnitte,
Flötentönig Griechenwort,
Griechenſchönheit, Griechenſitte,
Fleuch den ſchwer entweihten Ort!
Über Hellas Epigonen
Herrſcht ein Volk barbarenhaft,
Das mit rohem Speck und Bohnen
Sich die feinſte Mahlzeit ſchafft).
Nun daß der Lateiner Flammen
Stadt und Staat und Reich zerſtört,
Soll mein Sang auch die verdammen,
Die dem Unheil nicht gewehrt.
„Mene Tekel!“ längſt geſchrieben
Stund's wie zu Belſazars Zeit,
Doch wir trieben mit Belieben
Altgewohnte Schlechtigkeit.
Vom Komnenenkaiſerthrone
Grinſte Mord, Verrat und Trug,
Und an Zepter und an Krone
Haftet's wie ein alter Fluch:
„Heut von Siegesglanz umfloſſen,
Diademgeſchmückt das Haupt,
Morgen ins Exil geſtoßen
Und des Augenlichts beraubt.“
Treu und Männertugend ſchwanden;
Wie der Herre, ſo der Knecht!
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