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Heinrich von Ofterdingen. 101
Da ward mir vieles offenbar,
Als ob's gepredigt wäre,
Da wich vom Herzen ganz und gar
Mißmut und Schwere.
Da war ich wie ein ſelig Kind,
Das ſich der Weihnacht freuet,
Die goldner Nüſſe Angebind'
Und Apfel ſtreuet.
Knecht Ruprecht hat ſich wohl bewährt,
Er hat mir einen Blick beſchert
Aus weiblichem Gemüte
Voll Güte.
Als man den Benedzz getan,
Da tönten alle Glocken,
Da hub ein Winden und Schneien an
Mit dichten Flocken;
Sie ging im Nebel, wie ſie kam,
Doch war der Nacht kein Ende,
Der Schneeſturm ſchier den Mantel nahm
Und das Gebände.
Pfadleuchtend ſchritt die Dienerin
Voraus. Wie Schattenſpiel erſchien
Der Burglaterne Funkeln
Im Dunkeln.
Und als ein ſchweres Morgenrot
Die Wolken glühend ſäumte,
Noch ſtund ich, wie von Freuden tot,
Und fror und träumte.
Von hundert Tritten war die Spur
Im Weg zu Eis verdichtet,
Ich hielt auf einen, einen nur
Das Aug' gerichtet.
Fahr hin zu Berg, nachtwandelnd Glück,
Im Schnee blieb feſt dein Fuß zurück,
Wohl mir, ich weiß die Fährten
Der Werten!
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