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Frau Aventiure.
Tanzlieder 55).
1. Frühlingsreigen.
Schon färbt der Rain ſich bunter,
Schon will ein lauer Föhn
Von Kirſchbaum und Holunder
Den Blütenſchnee verwehn;
O Mai, du machſt mich munter,
Auf neue Fahrt zu gehn,
Denn Zeichen ſind und Wunder
Am Spielgerät geſchehn.
Die Fiedel hub im Schreine
Getöſ' und Schwanken an,
Als wär's von jungem Weine
Den Saiten angetan ...
So dörperlich unfeine
Stieß mich der Bogen dann,
Daß ich vom Elfenbeine
Ein blaues Mal gewann.
Und wie ich in der Ecken
Mich nach dem Leitſtab neig',
Ergrünt am dürren Stecken
Ein junggeſproßter Zweig;
Der flüſtert, mich zu necken:
„Verſchlafne Lerche, ſteig,
Laß dich vom Frühling wecken,
Die Welt will tanzen — geig!“
Nun kreiſt durch alle Glieder
Lenzzauber hüpfend um,
Im ſüßen Duft von Flieder
Schwimmt mein Verſtand ſich dumm:
Steig auf, umtäub mich wieder,
Tanzwirbliges Geſumm!
Maikäfer und Mailieder
Schwirren im Haupt herum.
Nun toſet, frohe Scharen,
Im Reigenwettlauf hin!
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