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Heinrich von Ofterdingen. 103
Die Jugend muß ſich paaren,
Das ſchafft der Welt Gewinn.
So alt ich ſelbſt an Jahren
Und Minnearbeit bin,
Mit Roſen in den Haaren
Küſſ' ich die Nachbarin!
2. Dörpertanzreigen.
(Zu Ehren Heinrichs von Ofterdingen gedichtet.)
„Ich versihe mich niuwer maere,
Uns kommt der Stiuraere!“
Kunech Luarin v. 80.
Den Finken des Waldes die Nachtigall ruft:
„Von Geigenſtrich ſchallt es goldrein durch die Luft,
Ihr Zwitſchrer, ihr Schreier, nun ſpart den Diskant,
Der Heini von Steier iſt wieder im Land!“
Flickſchuſter im Gaden ſchwingt's Käpplein und ſpricht:
„Der Himmel in Gnaden vergißt unſer nicht,
Sohlleder wird teuer, Bundſchuh platzt am Rand,
Der Heini von Steier iſt wieder im Land.“
Schon ſchwirren zur Linde, berückt und entzückt,
Die lieblichen Kinde, mit Kränzen geſchmückt:
„Wo ſäumen die Freier? Manch Herz ſteht in Brand ...
Der Heini von Steier iſt wieder im Land.“
Und wer ſchürzt mit Schmunzeln den Rock ſich zum Sprung?
Großmutter in Runzeln, auch ſie wird heut jung.
Sie ſtelzt wie ein Reiher dürrbeinig im Sand.
Der Heini von Steier iſt wieder im Land!
Der Hirt läßt die Herde, der Wirt läßt den Krug,
Der Knecht läßt die Pferde, der Bauer den Pflug;
Der Vogt und der Meier kommt ſcheltend gerannt:
„Der Heini von Steier iſt wieder im Land!“
Der aber hebt ſchweigend die Fiedel zur Bruſt ..
Halb brütend, halb geigend — des Volks unbewußt.
Leis kniſternd ſtrömt Feuer um Saiten und Hand . . .
Der Heini von Steier iſt wieder im Land!
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