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Frau Aventiure.
Lang war ich eurem Sängerbund willkommen,
Und unſre Zithern klangen oft vereint.
Mein leiblich Teil fand Raſt und reiche Pflege,
Manch mildes Auge winkt: verweil dich hier!
Doch eure Wege ſind nicht meine Wege,
Und eine Kluft gähnt zwiſchen euch und mir.
Denn unverrückt in allem Tun und Laſſen
Steht euer Aug' der Fremde zugekehrt,
Hofzucht und Kleid, der Rede Ernſt und Spaſſen
Muß ſein wie dort, ſonſt bleibt es ungeehrt.
Ei, ſtrenge Richter, ſchmeckt das Mus drum reiner,
Wenn blanc mangier es nennt der Köche Mund?
Und kleidet euch der Wappenrock drum feiner,
Wenn ihn ein Schneider ſteppt am Pitit Punt?
Nach der Franzoiſer Art den Schnabel wetzen
Muß, wer bei Frauen Minnepreis bejagt;
Nur dann wird huldvoll Lächeln ihn ergötzen,
Wenn er „ma doulce, ma bele amie“ ſagt.
Und gilt's, im Reigen ſchreiten und ſich drehen,
Er trüg' umſonſt die Schapel und den Kranz,
Würd' er Iſotens Künſte nicht verſtehen,
Die Paſtourele und den Ridewanz!
Zielt dann ein Wunſch nach neuen Heldenmären:
„Auf, Singer, ſchnell Herrn Creſtiens Buch zur Hand,
Wir freu'n uns nicht an Recken lobebaeren,
Wenn ſie nicht fernher aus Kukumberland,
Qualogrenanz ſoll ſieglos Lanzen brechen,
Hofſpott geſchehn von Key, dem Seneſchal,
Meljanz Herrn Lanzelot vom Karren ſtechen,
Nach Montſalvatſch irrfahren Parzival!“
Weh meinem Ohr! Vo die Tiraden ſchwirren,
Nimmt unſereiner ungern Aufenthalt,
Oft glaub' ich ſelbſt verzaubert umzuirren,
Und fragt ihr mich: I das der Thüringwald?
Sind das der Wartburg liedgerühmte Zinnen,
Wo deutſcher Sang gen Himmel ſchmettern ſoll?
So ſprech ich: Nein! die Tafelrund hauſt drinnen,
Die Burg iſt welſch, ihr Name — Karidol.
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