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Heinrich von Ofterdingen. 109
Mich aber friert im Wald von Breziliande,
Bei König Artus' kühler Maſſenie;
Ich bin ein Mann aus freudigem Oſterlande,
Wo meine Wiege ſtund, vergeß ich nie.
Ihr mögt mich grob und dörperlich drum ſchelten...
. .. Nicht jeder kann ein Leu ſein, ſpricht der Bär.
Singt, wie ihr mögt, Mannheit brituniſcher Helden,
Und ſingt vom Gral... mir gilt nur deutſche Mär!
Der Ahnen Geiſter ſteigen aus den Grüften,
Ein rauh Geſchlecht, erprobt im Grenzmarkſtreit;
Noch rauſcht ihr Schlachtruf mächtig in den Lüften,
Den Enkel mahnend alter Tapferkeit. L
Ehrwürdig Bergland, wann ſeh' ich dich wieder
Und meiner Steieralpen heiligen Schnee?
Dort oder nie find' ich die großen Lieder,
Hier ſchweigt mein Mund... das Singen ſchafft ihm Weh.
Nach dem erſten Sängerſtreit.
Nicht wie ein Reh bin ich vor euch geflüchtet,
„Gleich einem Keuler hielt ich kampflich ſtand,
Bruſt wider Bruſt, das Haupt gradaus gerichtet,
Daß ihr das Weiße wohl im Aug erkannt.
Schwül war der Tag. Wutſchäumig eingebiſſen
Am einen Wild die ganze Meute hing,
Doch ſpürte mancher unſanft umgeriſſen,
Daß voll ich rückgab, was ich voll empfing.
Spart nun den Lärm! Die Hetzjagd iſt geendet,
Mit Knurren weich' ich ſeitab in das Holz,
Den Leib von euren Biſſen bös zerſchändet
Und angeſchoſſen von manch ſpitzem Bolz.
Wohl wär' ich ſchnöd zum Land hinausgezwungen,
Gält' grobe Scheltung je als fein Gedicht...
Ein einz'ger wider ſechs hab' ich gerungen...
Frohlockt des Siegs! Mich grämt mein Unſieg nicht.
Ihr habt mich nicht gefällt, nur fortgetrieben,
Aus leichten Schrammen nur verſtrömt mein Blut;
Wem Leben, Zorn und Kunſt noch friſch geblieben,
Der rächt den Schimpf und rauft mit neuem Mut.
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