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126 Frau Aventiure.
„„Ich hän vernomen, —
wer Iprichet hie ze mir?
bist'z der liepste man? du kanst ein teil ze lange fin.““
„Ja ich bin, den dů daâ höhe enpfähen olt.
ich was dir ie mit ganzen triuwen rehte holt.
nu fage miner frouwen, daz ich hie bin;
Iie ist [ guot, sie lät mich in.“
Otto von Botenlauben, herausgegeben von Bechſtein:
Buch der Lieder Nr. 9.
Dem Landgrafen Hermann den Parzival überreichend. Seite 24.
Durch San Martes Leben und Dichten Wolframs von Eſchenbach und die
neueren eingehenden Erörterungen in H. Kurz, Geſchichte der deutſchen Litera⸗
tur I. 357, ff. und H. Holland, Geſchichte der altdeutſchen Dichtkunſt in Bayern
von 109 u. ff. iſt die Charakteriſierung dieſes beſten Freundes der Frau Aven⸗
tiure, der dereinſt ebenſo tapfer als Ritter auf den Feind wie als Dichter
auf den Genius der deutſchen Sprache einſtürmte, in den Hauptzügen feſt⸗
geſtellt. Seine eigenen Außerungen über ſeine gänzliche Unkunde der Buch⸗
ſtaben und deſſen, „was an den Büchern ſteht geſchrieben“ (Parzival 115, 27
und Willehalm 2, 18) geben der Literaturgeſchichte das merkwürdige und ein⸗
zige Problem zu erörtern, daß eines ihrer bedeutſamſten Bücher einem Schrift⸗
ſteller ſeine Entſtehung verdanken ſoll, der weder leſen noch ſchreiben konnte.
Die Gelehrten werden daher über die Art und Weiſe ſeines Dichtens noch
immer von verſchiedenen Anſichten beunruhigt. Man fragt, ob es möglich ſei,
ohne ſelbſt Feder oder Griffel zu handhaben, ein ganzes Epos im Kopf fertig
zu bringen; man hat Bedenken, ob Herr Wolfram reich genug war, einen ge⸗
bildeten Knappen oder ſonſt einen Schreiber zu beſolden, und kommt, weil
eines ſolchen von ihm keine Erwähnung geſchieht, zur Anſicht, er möge doch
wohl ſelbſt ſchreibverſtändig geweſen ſein, wobei der Phantaſie überlaſſen wird,
ſich ſeinen ritterlichen „Hausbuchſtaben“ mehr oder minder grob vorzuſtellen.
Die Frage iſt eine techniſche. Wolframs wiederkehrendes mit ritterlichem
„Selbſtgefühl abgelegtes Bekenntnis, ein Illiteratus zu ſein, geſtattet kaum,
dieſe Tatſache in Zweifel zu ziehen. Wenn der Parzival ganz ſeine eigene
Schöpfung wäre, ſo würde eine ſolche allerdings ſehr viel Begabung und ſehr
viel in Diktierproben verdorbenes Pergament vorausſetzen, denn ein mit ſo
ſtattlichem „Wurf geſpieltes“ und ſprachlich ſo durchgebildetes Epos ſpringt
nicht wie eine Pallas gewaffnet und fertig aus des Urhebers Haupt, ſondern
muß eine Reihe von innerlichen und äußerlichen Umarbeitungen und Beſſe⸗
rungen durchlaufen, die ſchwerlich zu ermöglichen ſind, wenn der Finder der
Märe ſeine Worte einem fremden Schreiber anvertrauen muß und nicht ſelbſt,
die Feder in der Hand, täglich und ſtündlich daran feilen kann.
Anders aber verhält ſich die Technik bei der Arbeit des Überſetzers. Der
Parzidal iſt kein deutſches Originalwerk, ſondern ein franzöſiſches, bald wört⸗
lich, bald frei und eigentümlich von Wolfram in das Deutſche überſetzt. So
unangenehm es für diejenigen Literaturhiſtoriker ſein mag, welche in ſtaunen⸗
den Betrachtungen über den pſychiſchen Reichtum ſeiner Erfindung Herrn
Volfram zu einer überſchwänglichen Höhe des Ruhmes emporphantaſiert haben:
Lob und Tadel nach dieſer Richtung gebührt nicht ihm, ſondern dem Meiſter
Creſtiens von Troyes und — in welchem Maß iſt noch nicht haarſcharf abzu⸗
grenzen — dem andern franzöſiſchen Bearbeiter, Guiot von Provins.
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