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Anmerkungen. 127
Ein Überſetzer, der das Epos ſchon als ein fertiges vorfindet, dem die pfycho⸗
logiſchen Kämpfe der Gewinnung und Aneignung des geſchichtlichen Stoffes,
der rhythmiſchen Formung und Umformung, und alle jene Mühen, die das
künſtleriſche Schaffen oft zu einem von Dämonen geplagten machen, wenig
Schmerz mehr verurſachen, kann, wenn die Gabe, den Reim zu finden, vor⸗
handen iſt und der Sinn des zu Überſetzenden wohl interpretiert vorliegt, mit
Schreibern, denen er diktiert, beſſer und ſchneller arbeiten, als ſelbſt ſchrei⸗
bend: er läßt ſich — um etwas handwerksmäßig zu reden — ſein täglich
Penſum vorleſen, wandelt auf und nieder, überträgt Zeile um Zeile in ge⸗
reimtes Deutſch, flicht, wenn er wie Wolfram ſelbſt ein feines, ſatirebegabtes
Talent iſt, eigene Bemerkungen mehr oder minder geſchickt ein, diktiert'’s und
fährt am andern Tag mühelos da fort, wo er tags vorher ſtehen geblieben.
Schwerlich in viel anderer Weiſe wird der Parzival entſtanden ſein.
„Dex vos saut, fait il, bele amie“
ſteht in Meiſter Creſtiens Buch zu leſen.
„iedoch sprach er, got huete din“
in Wolframs Parzival.
Vergl. A. Rochat in F. Pfeiffers Germania, Stuttgart 1858, S. 57.
In ſolcher Weiſe wurde im XIV. Jahrhundert, nachdem die franzöſiſchen
Erzähler der Geſchichten vom Gral an Maneſſier einen Ergänzer gefunden
hatten, dem Werke Wolframs ein zweiter Teil zugefügt, deſſen Entſtehung zu⸗
gleich ein klärendes Licht auf die des erſten werfen mag.
Des edlen Herrn Ulrich von Rappoltſtein Geſchlecht war Träger eines
Lehens über die fahrenden Leute im Elſaß, deſſen Grenze bis an den Hagenauer
Forſt lief. Dies und ritterliche Freude an Minne und Milde mag den reichen
Freiherrn bewogen haben, ſich als Beſchützer der Dichtkunſt das Werk Maneſ⸗
ſiers verdeutſchen zu laſſen. Im Jahr 1331 rückte zu dieſem Behuf mit
Maneſſiers franzöſiſchem Buche nachfolgend verzeichnete, aus fünf, ſage fünf
Perſonen beſtehende Geſellſchaft bei ihm ein: 1) zwei Dichter, Claus Wiſſe und
Philipp Kolin, Goldſchmied von Straßburg; 2) ein Dolmetſch, Sampſon Pine,
ein Jude, 3) zwei Schreiber, Henſelin der junge und der von Onheim, ein
alter. Die beiden Dichter waren weder des Franzöſiſchen noch des Schreibens
kundig; als Aufgabe des Sampſon Pine bezeichnen ſie
„was wir zu rimen hant bereit
do het er uns daz tutzsch geſeit
von den oventuren allen gar.“
Dieſes fahrende Volk, deſſen Verpflegung manches Stückſaß elſäſſiſchen Weines
verſchlungen haben mag, beeilte ſich nicht allzuſehr und überreichte erſt im
Jahre 1336 die vollendete, mit manchem Korrekturſtreiflein überklebte, aber
als ſtattlicher Foliant geſchriebene Arbeit, von der ſie bemerken: „und allez
daz hie nach geschriben stat, daz ist ouch Parzefal“ ihrem Schirmherrn,
dabei ihn launig über die Koſten tröſtend, die ſie ſelber auf 200 Pfund an⸗
ſchlugen. Vergl. Uhland in Schreibers Taſchenbuch für Geſchichte und Alter⸗
tum in Süddeutſchland II. 259.
13) Ob von Troys meister Cristjan
diesem maere häat unreht getän,
daz mac wol zürnen Kyéôt
der uns diu rehten maere enbôt.
Parzival 827, 1 vergt. mit 416, 25.
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