Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-1/3
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 3: Frau Aventiure)
[1916]
Seite: 138
(PDF, 21 MB)
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138 Frau Aventiure.

Heinrich von Ofterdingen. Seite 96.

52) Vom Nebel der Sage umwallt und verhüllt, ſteht Heinrichs von Ofter⸗
dingen Geſtalt in der Ferne der Zeiten. Das Gedicht vom Wartburgkrieg
zeichnet ihn als Kämpen Öſterreichs und ſchlagfertigen Gegner Wolframs von
Eſchenbach; die Literaturgeſchichte frägt nach den Werken, welche berechtigen,
ihn dem Dichter des Parzival als ebenbürtigen Wettſtreiter gegenüber zu ſtellen.
Nur die nicht unanmutige Dichtung vom König Luarin und ſeinem Roſen⸗
garten in den Tiroler Bergen meldet am Schluſſe:
Heinrich von Ofterdingen
dieses maere getihtet hät
daz sů sus meisterlichen stät.
Zweifelt man auch dieſe Nachricht an, ſo fehlt jede Möglichkeit, ihn anders
als einen verſchollenen mythiſchen Namen aufzufaſſen. Gibt man ſie als glaub⸗
würdig zu, ſo eröffnet ſich durch die Nebel ein Blick auf den feſten Punkt,
von welchem die epiſche Erzählung im König Luarin ausgeht, und wohin ſie
zurückkehrt, auf Steyer und die ſchöne, von des paſſauiſchen Biſchofs Pilgrim
Blutsverwandten, dem Traungaugrafen Ottokar um 980 erbaute Stiraburg,
dem durch Lage und Sage geprieſenen Stammſitz der Markgrafen des fröhlichen
Steyerlandes, deren letzter, Ottokar VIII., von der unheilbaren Krankheit
Elephantiaſis gequält und kinderlos 1183 in feierlichem Vertrag von Enns
Land und Mannen an den ihm geſippten und befreundeten Herzog Leopold VI.
von Öſterreich übergab und 1192 ſtarb.
Urkunden des Kloſters Wilhering kennen zwiſchen Donau und Traun ein
Dorf Oftherigon und, von Mitte des XII. Jahrhunderts an, ein ritterliches
Geſchlecht, de Oftehringen. Von den Burgenbeſitzern in dem Gebiet des alten
Traungau ſtunden die meiſten als Lehensleute des Bistums Paſſau und Stände
des ſog. Abteilandes in Beziehungen ſowohl zum biſchöflichen Hofe in Paſſau
als zum markgräflichen in Steyer. Oftherigon liegt am Abhang des Waldge⸗
birges Kürenberg, welches unweit Kloſter Wilhering zur Donau ſich ſenkt.
Auf der Burg Kürenberg ſaßen die Ritter Kürenberg, die, wie ſie örtlich Nach⸗
barn der Oftheringer waren, ſo in den Zeugenreihen der Wilheringer Urrunden
in deren Nähe ihre Stelle einnehmen. (Adelramus de Oftheringen.
Gualtherus de Cürnberg 1161.)
Als Liederdichter von tüchtigem Schrot und Korn eröffnet der Kürenberger
den Reigen der Minneſänger. Kürenbergs Weiſe aber, die aus vier Langzeilen
eigentümlich gebildete Strophe, iſt die Strophe des Nibelungenliedes, und die
Forſchungen von A. Holzmann (Unterſuchungen über das Nibelungenlied, Stutt⸗
gart 1854) ſowie von F. Pfeiffer (Der Dichter des Nibelungenliedes; ein Vor⸗
trag. Wien 1862) führen auf die durch andere Indizien unterſtützte Vermutung,
daß jener alte lyriſche Dichter auch dem großen deutſchen Epos nicht fremd
ſei. Mannigfache Lücken der Beweisführung ermöglichen noch immer kein
ſicheres Verdikt in dieſen Fragen, vor deren Abſchluß es zweckmäßig ſein wird,
die Zeit des Biſchofs Piligrim von Paſſau, das Verhältnis der in Bayern und
der Oſtmark zur Herrſchaft gekommenen fränkiſchen Grafengeſchlechter zur
rheiniſch⸗fränkiſchen Stammſage, ſowie die lateiniſche Dichtung der Geiſtlich⸗
keit des 10. Jahrhunderts ſchärfer ins Aug zu faſſen.
Zugegeben nun, daß die UÜbertragung eines auf Geheiß des Biſchofs Piligrim
durch ſeinen Schreiber Konrad lateiniſch gedichteten Werkes in die deutſche
Nibelungenſtrophe mit dem Kürenberger zuſammenhängen kann, ſo möge dem
Schreiber dieſer Blätter, der die Hoffnung nicht hegt, mit exakter Forſchung
alle Rätſel der Vergangenheit löſen zu können, geſtattet ſein, auch des Küren⸗


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