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140 Frau Aventiure.
die wo möglich die gevierfachte Eigenſchaft des Dichters, Komponiſten, Vor⸗
ſängers und Vortänzers in ihrer Perſon zu vereinigen hatten, ein weites
Gebiet, das auch in allen Abſtufungen von feiner Sitte bis zu wilder Tollheit
von den Einzelnen nach Maßgabe der Anforderungen, die ſie an ſich und ihre
Kunſt zu ſtellen vermochten, ausgebeutet wurde.
Der Grundton der uralten volkstümlichen Maifeier und ihrer ewig neu im
Menſchenherzen aufknoſpenden Luſt klingt durch die zahlreichen Frühlings⸗
reigen durch; trotz geiſtlicher Ereiferungen wider der Choraula betänbende
Wirbel tanzte die ländliche Bevölkerung im Freien, wenn der erſte „Viol“
gefunden war, und ſo lange Heide und Anger in Freuden ſtand, bis daß das
Laub ſich falbte. Auch die höfiſchen Geſellſchaftskreiſe ließen ſich zu Tanz und
Spiel aus den Sälen in die umfriedeten Baumgärten und Lindengänge ver⸗
locken, wo der bemeſſene Schleifſchritt der feierlichen Umgänge zuweilen mit
minder ſanftem Tempo vertauſcht worden ſein mag. Die Motive der Tanzlieder
waren mit glücklichem Takt meiſt ſo gewählt, daß ſie gleichzeitig ein muſikaliſch
und ein plaſtiſch darſtellbares Element enthielten. Thüringen und OSſterreich
werden als Hauptpflegeſtätten der Reigenluſt namhaft gemacht. Von erſterem
Volksſtamm meldet ein Gedenkreim fahrender Schüler: hospitat invitus vagos
sed honesta chorizat und Wolfram von Eſchenbach gedenkt, vielleicht in
ſpöttelndem Ton, der neuen Tänze, deren in ſeiner Zeit viele von dort kamen:
do vrägte mir hêr Gawan
um guote videlaere,
op der daâ keiner waere.
daâ was werder knappen vil
wol gelêrt üf seitspiel
irn keines kunst was doch sôé ganz
sine müesten strichen alten tanz:
niwer tänze was da wenc vernomm
der uns von Düringen vil ist kömm.
Parzival 639, 6ff.
Die Schilderung, die er von dem älteren Tanze entwirft
och mohte man d schouwen
ie zwischen zwein frouwen
einen claren riter gên usw.
weiſt auf einen jener feierlichen Umgänge, bei denen jede Ausgelaſſenheit
ſtreng verpönt war. Ein bemerkenswertes Abbild eines ſolchen im Koſtüm des
XIV. Jahrhunderts iſt erhalten in den Fresken des Schloſſes Runkelſtein (her⸗
ausgegeben von Zingerle und Seelos) Tab. XX: die unter Krone voranſchrei⸗
tende Reigenkönigin führt an der Rechten den ihr nicht zur Seite, ſondern
nachſchreitenden, in knappem Armelwams und Schnabelſchuhen erſcheinenden
Tänzer, der ſeinerſeits wieder die Rechte der nach ihm folgenden Dame zurück⸗
reicht. So bilden ſämtliche Paare eine handverſchlungene Kette und ziehen
mit ſänftlichen Schritten, von Saitenſpiel geleitet, nicht ohne gekünſtelte, den
ſteifgeflochtenen Haarzöpfen der Tänzerinnen entſprechende Haltung, im Um⸗
gang durch einen Baumgarten. Ein eigentümlicher ſchärpenartiger Gürtel, weit
genug, zwei Perſonen zu umfaſſen, den die Herren loſe umgehangen tragen, mag
für andere Figuren und Schlingungen dieſes Tanzes Bedeutung gehabt haben.
Mit ausgeprägter Freude an gröblichem bäuriſchem Durcheinander, aber mit
überraſchender Kunſt ſind die öſterreichiſchen Tanzweiſen komponiert. Der
Tannhuſer und jener unerſchöpfliche Virtuoſe, dem wie Licht und Luft auch
ein feſter, oft mit ſcharfen Hieben endigender körperlicher „Stampf“ zu einer
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