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Anmerkungen. 141
Lebensnotwendigkeit zählte, Nithart von Reuenthal, haben deren eine Fülle
hinterlaſſen. Der nicht nur von ſeinen Sängern, ſondern auch von ſeinem Volk
geprieſene Herzog Leopold VII. von SÖSſterreich ging mit fröhlichem Beiſpiel
voran, und als er im Jahre 1230 ſtarb, klagten die Wiener, wie Janſen
Enenkel im Fürſtenbuch berichtet, daß ſie den beſten Vorſänger im Chor, zu⸗
gleich aber auch den beſten Stifter des Frühlings⸗ und Herbſtreigens an ihm
verloren:
wier singet uns nu vor
zu Wiene uf dem kör
als er vil dikke hat getän
der vil tugentriche mann!
wer stift uns nu den reien
in dem herbst und in den maien?
über die Art und Figur der neuen im Parzival erwähnten thüringiſchen Tänze
ſind wir nicht berichtet. Die Vermutung liegt aber nicht allzufern, daß viel⸗
leicht die jugendliche Landgräfin Sophia, als bayeriſche Fürſtentochter den
Tanzweiſen des Oſterlandes nicht ungünſtig geſtimmt, an Heinrich von Ofter⸗
dingen einen Reigenführer — praecursor pflegte man ſolchen zu nennen —
gefunden hatte, der in neuen Kompoſitionen ländlich fröhlichen Ton durchzu⸗
führen verſtand, ohne damit ſeiner und der Geſellſchaft Würde etwas zu ver⸗
geben. Die auf ſolchem Gebiet bei der Frauenwelt errungenen Erfolge mögen
dazu beigetragen haben, den begünſtigten Sänger und Reigenleitmann ſeinen
Sanggenoſſen am Hofe zu verfeinden, und wir erhalten durch dieſe Anſchauungs⸗
weiſe, die ſchon Uhland (Walter von der Vogelweide, ein altdeutſcher Dichter
S. 99) angedeutet hat, den Schlüſſel zu des formſtrengeren Walter eiferſüch⸗
tigem Klaglied wider die „Frau Unfuge“, die mit ihren ungefügen Tönen das
hoveliche Singen zu verdrängen droht:
der unfuoge swigen hieze,
waz man noch von frôiden sunge,
und sie abe den bürgen stieze
daz si dàâ die frön iht twunge!
wurden ir die grözen hoeve benomen
daz waer allez näch dem willen min.
bien gebüren lieze ich sie wol sin:
dannen ists och her bekomen
über die Tänze des deutſchen Mittelalters vergl. Weinhold, die deutſchen
Frauen S. 369 u. ff. Czerwinski, Geſchichte der Tanzkunſt, Leipzig 1862. Kap. V.
über die Muſikbegleitung v. d. Hagen, Minneſinger IV, 765 und Schneider,
das muſikaliſche Lied S. 202 u. ff.
Herbſtreigen. Seite 104.
56) Vergl. des Herrn Steinmar ſehr eß⸗ und trinkluſtiges Herbſtlied, Str. 5:
Wirt, durch mich ein sträze gäat:
dar üf schafe uns allen rat
manger hande spise.
wines der wol tribe ein rat
hoeret üͤf der sträze pfat.
minen slunt ich prise.
mich würget niht ein gröziu gans so ich s' slinde.
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