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28 Gaudeamus!
Und ein Gefühl von Armut lag auf Bergeuund Tal.
Der heilige Olbaum, dem das letzte gelbe Blatt
Der Wind verweht, reckt' traurig ſeine Äſte aus,
So kahl und öd', als fehl' ihm das Notwendigſte.
Verdächtig ſelbſt das Straßenpflaſter. Blödem Aug'
Schien des Baſaltes urgebirgig feſter Stoff
Verwandelt heut in ſehr poröſes Tropfgeſtein,
Und alles — alles — alles ſah durchlöchert aus.
So war der Tag, da in der erſten Früheſtund'
Ein müder Held aus Populonias Toren zog.
Vergeblich warf von dem kyklopiſchen Mauerwall
Der Wächter einen trinkgeldhoffnungvollen Blick,
Er hielt ihn aus — und ſchaute ſtarr — und gab ihm nichts.
Dort, wo der Weg ſich einbiegt gegen Sueſſulae
Und eines Prieſters kegelturmgeziertes Grab
Trübtraurig ſeinen Schatten wirft ins Blachgefild,
Dort hielt er ſtill — und ſtieß den Speer ins Riedgras ein
Und ſuchte lang in ſeiner Chlamys Faltenwurf
Und ſuchte wieder — ſuchte auch zum drittenmal
Und fand nicht, was er ſuchte...
O wer kennt den Schmerz,
Der auf ſich bäumt im biederen Etruskerherz,
Wenn alles — alles — alles auf die Neige ging
Und nur der Graus des Leeren in der Taſche wohnt,
Wo der Seſterz ſonſt fröhlich beim Denar erklang! . ..
Den Helm abnehmend von dem ſchwerbedrückten Haupt,
Fuhr mit der Rechten langſam er zur Stirn empor.
Gen Populonia rückwärts flog ſein feuchter Blick
Und blaue Blitze leuchteten im Heldenaug'.
„O Wirtshaus zur Chimära!“ ſprach er wehmutvoll,
„Iſt das das Ende? Winkte das der Vögelflug,
Der vor drei Tagen krächzend mir zur Linken ſtrich?
Sprach das des Stieres rätſelvolles Eingeweid'?
O Wirtshaus zur Chimära! was iſt lieblicher
Als einzuziehn, ein Gaſtfreund, in dein Gaſtgemach?
Verſtändig waltet dort ein vielgeübter Wirt,
Und edle Helden ſitzen um den kühlen Trank,
Den von dem Berg herabgeſendet Dimeros.
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