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IV. Heidelbergiſch. 57
Der letzte Poſtillon.
Bald iſt, ſoweit die Menſchheit hauſt,
Der Schienenweg geſpannt;
Es keucht und ſchnaubt und ſtampft und ſauſt
Das Dampfroß rings durchs Land.
Und wied'rum in fünfhundert Jahr
Weiß der Gelahrteſte nicht
Zu ſagen, was ein Hauderer war,
Was Fuhrmanns Recht und Pflicht.
Nur in der Nacht der Sonnenwend',
Wo dunkle Schemen gehn,
Wird zwiſchen Erd' und Firmament
Ein fremd Geſpann geſehn.
Der Schimmel trabt, die Peitſche ſchwirrt,
Laut ſchmettert Poſthornton,
Als Geiſt kommt durch die Luft kutſchiert
Ein greiſer Poſtillon.
Fahl glänzt am gelben Sperlingsfrack
Thurn Taxis' Wappenknopf,
Er raucht uralten Rauchtabak
Aus braunem Ulmerkopf.
Er raucht und ſpricht: „O Erdenball,
Wie anders ſchauſt du drein,
Seit ich mit Sang und Peitſchenknall
Reichspoſtdienſt tat am Rhein!
O Zeit des Paßgangs und des Trabs,
Des Trinkgelds und des Trunks,
Des Poſtſtalls und des Wanderſtabs,
Des idealen Schwungs!
Jetzt geht die Welt aus Rand und Band,
Die Beſten ziehn davon,
Und mit dem letzten Hausknecht ſchwand
Der letzte Poſtillon.
Jetzt rennt der Dampf, jetzt brennt der Wind,
Jetzt gilt kein Fruh und Spat,
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