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IV. Heidelbergiſch. 59
Doch nähert ſich ſolch einem Schoppen
Mein Herz.. . dann überwallt’s...
's is halt e verflucht feiner Troppen,
Ich ſegne die Hügel der Pfalz!“
Derweilen ging draus auf dem Damme
Spießtragend ein Vierter vorbei,
Der blies eine wunderſame
Gewaltige Melodei:
„Ihr Herren, und laſſet euch ſagen,
Die Stadtgemeinde braucht Schlaf,
Die Glocke hat eilf Uhr geſchlagen,
Wer jetzt nicht zu Bett geht, zahlt Straf'.“
Perkéo.
Das war der Zwerg Perkéo im Heidelberger Schloß,
An Wuchſe klein und winzig, an Durſte rieſengroß.
Man ſchalt ihn einen Narren, er dachte: „Liebe Leut',
Wärt' ihr wie ich doch alle feuchtfröhlich und geſcheut!“
Und als das Faß, das große, mit Wein beſtellet war,
Da ward ſein künftiger Standpunkt dem Zwergen völlig klar.
„Fahr' wohl,“ ſprach er, „o Welt, du Katzenjammertal,
Was ſie auf dir hantieren iſt Wurſt mir und egal!
Um lederne Ideen rauft man manch heißen Kampf,
Es iſt im Grund doch alles nur Nebel, Rauch und Dampf.
Die Wahrheit liegt im Weine. Beim Weinſchlurf ſonder End'
Erklär' ich alter Narre fortan mich permanent.“
Perkséo ſtieg zum Keller; er kam nicht mehr herfür
Und ſog bei fünfzehn Jahre am rheiniſchen Malvaſier.
War's drunten auch ſtichdunkel, ihm ſtrahlte inneres Licht,
Und wankten auch die Beine, er trank und murrte nicht.
Als er zum Faß geſtiegen, ſtand's wohlgefüllt und ſchwer,
Doch als er kam zu ſterben, klang's ausgeſaugt und leer.
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