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Gaudeamus!
Die einen Heldenbergſchlaf ſchliefen,
Dieweil den Tiſch durchwuchs ihr Bart.
Der Leib wies Narben eingeriſſen,
Der Becher tauſendjähr'gen Wein,
Dem waren Stirn und Aug' zerſchliſſen,
Dem fehlt' die Rechte — dem ein Bein.
Krugtragend in der Schläfer Kreiſe
Stund eine Jungfrau, groß und ſchlank,
Als ob ſie in Walkürenweiſe
Erſt jüngſt gebracht den Labetrank.
Und im Gewölb erſcholl mit Dröhnen
Ein Lied von fremd ureignem Klang,
Das einer in gewaltigen Tönen
Altfränkiſch zu der Harfe ſang:
Wie Held Waltari mit Hiltgunden
Aus Hunnenland zum Rhein entritt
Und mit den Beſten der Burgunden
Am Wasgenſtein den Zwölfkampf ſtritt.
Dann war's, als ob die Saiten ſchrillten:
„Wann kommt die Zeit? wann bricht der Traum?
Wann greift ihr wieder nach den Schilden?
Wann grünt des Reichs verdorrter Baum?“
... Doch Hiltgund ſchwieg. Die Recken ſchwiegen,
Und alles ſchwieg ... Da kam ein Zwerg ...
Die Nebel ſah man dichter fliegen,
Und mit Geknarr ſchloß ſich der Berg.
— Walpurgistag, den erſten Maien,
Wo alle Tiefen offen ſtehn,
Ward von verfahrner Schüler zweien
Dies Wasgauwunder angeſehn.
Sie miſchten in der Höhlung Spalten
Waldmeiſterkraut zu würzigem Wein
Und dichteten vergnügt und malten
Dies neue Lied vom Wasgenſtein.
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