Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 4: Gaudeamus)
[1916]
Seite: 92
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw4/0095
Gaudeamus!

„O Leben! wie biſt du bitter und hart!
Ich wollt', es würde mich Einer ermorden,
Oder ich wär' ein flinkes Eichhorn geworden,
Das klettert und hüpft doch und knackt ſeine Nuß,
Mich aber erlöſt nur der Tod vom Verdruß.“

Bei ſolcherlei Schwermut war es kein Wunder,
Daß er täglich kränker ward ſtatt geſunder,
Er ſchrumpfte zuſammen als wie ein Greis,
Die Haare bleichten ihm ſilberweiß,
Und es dauerte kaum Tag und Jahr,
Daß er wirklich nah an dem Sterben war.
Da nahm er mit fiebrig zitternder Hand
Sich Spaten und Axt von der Klauſe Wand,
Um draußen am Bach beim Granitgeſtein
Sich zu hauen ein Grab als Totenſchrein.
Sein dumpfes Hacken am Felſen erklang
Wie Sterbegeläut den Wald entlang.

Und als nun vollendet die Grabeshöhle,
Befahl er dem Herrn ſeine ſündige Seele
Und ſprach: „Du falſche Welt, gute Nacht!“
Und legt' ſich hinein in den finſtern Schacht.

Doch in dieſen geſegneten Talesgründen
Iſt nimmer und nimmer der Tod zu finden,
Und wie er ſo lag und zu ſterben gedachte,
Erbebte der Boden und wankte und krachte;
Feucht weht' es ihn an — er vernahm mit Erſtaunen
Ein unterirdiſches Rauſchen und Raunen,
Wie Sprudeln von Quellen ſchlug's an ſein Ohr,
Rick — rack — und wrumm! Da hob's ihn empor.

Ein mächtiger Waſſerſtrahl mit Gebraus
Warf jählings Herrn Rippold zum Grabe hinaus,
So hoch wie der nächſte Tannenbaum
Flog triefend er in den leeren Raum,
So daß, als er glücklich herab war gekommen,
Er wirklich ein tüchtiges Sturzbad genommen.
Da ſtand er und ſchüttelte dreimal ſich
Und beſchaute ſich ſelber verwunderlich;


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