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V. Aus dem Weiteren. 93
Ein neues Leben durchzuckte die Glieder,
Als kehre die Kraft und die Jugend ihm wieder.
Den Quell ſah er ſprudelnd blinken und winken,
Er wußt' nicht warum, er mußt' davon trinken.
Er ſchöpfte mit hohler Hand ſich die Flut,
O Wunder! das ſchmeckte ſo fremd und ſo gut,
Von ſchäumenden Perlen durchwallt und durchziſcht,
Als hätte ein Berggeiſt den Trank ihm gemiſcht.
Und ſchnalzend ſprach er: „Wie wird mir — o Schauer,
Das ſprudelt ja ſalzig und kohlenſauer!
Dringt ſtärkend und löſend durch Mark und Gebein
Wie niemals der feurigſte Edelwein!
Du gütiger Himmel, hab' Dank für die Spende,
Nun geht meine Trübſal und Krankheit zu Ende,
An dieſem Heilbrunn, ſtatt Grab und Tod
Erglänzt mir ein neues Morgenrot!“
Herr Rippold dachte ans Sterben nicht mehr,
Er ſchleppt' einen Steinkrug zur Quelle her
Und trank und trank ohne Unterlaß
Schon am erſten Tag über ſieben Maß.
Kaum hob ſich des andern Tages die Sonne,
So trank er ſchon wieder mit neuer Wonne,
Und nahm ſein Bad in der bergfriſchen Welle
Und ſchnalzte vergnüglich gleich einer Forelle,
Ward zuſehends luſtig und jodelt' und ſang,
Daß ein fröhliches Echo den Tannwald durchklang.
Auch mehrte ſich merklich ſein Appetit,
So daß er mit unverzagtem Gemüt
Einen ganzen Schinken und Brotes drei Laib
Verzehrte, als wär's nur ein Zeitvertreib.
Als zweiter Nimrod, mit Bogen und Pfeil
Durchzog er die Waldung von jetzt an in Eil',
Schoß Hirſche und Eber, und kam auch ein Bär,
So ſprach er: „Das freut mich nur um ſo mehr,“
Und ſchlug mit gewaltig erhobenem Stein
Aus freier Hand den Schädel ihm ein.
Denn wer hier trinken und baden kann,
Den ficht kein Ungeheuer 'was an.
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