Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-4/6
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 4: Gaudeamus)
[1916]
Seite: 94
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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Gaudeamus!

Herr Rippold lebte zu ſelbiger Zeit
In der allereinſamſten Einſamkeit;
Es führte zu ihm nicht Steg, nicht Pfad,
Und niemals waren ihm Menſchen genaht;
Nur ſelten bei ſeiner Einſiedelei
Trieb ein Hirtenkind ſeine Herde vorbei.
Doch früher, bevor er die Quelle entdeckt,
War Herr Rippold immer gewaltig erſchreckt,
Wenn er die Maid nur von ferne erſchaute,
Und ſprang, dieweil ihm wahrhaftig graute,
Scheltend, ſo weit ihn trug ſein Fuß,
Ins Waldesdickicht mit Groll und Verdruß,
So daß die Hirtin betrübt oft klagte
Und im ſtillen zu ſich ſelber ſagte:
„Dies ſcheint, ſoweit ich es beurteilen kann,
Ein frommer, aber ein grober Mann.“

Der Hirtin Antlitz war zart und fein,
Sie ſchaute ſanft in die Welt hinein,

Und ihre Wangen, ein wenig bleich,

Schufen ihr Ausſehen träumend und weich.
Sie hütet' am Saum vom Tannenwalde
Die Herde auf grüner Bergeshalde,
Trank die würzige Bergluft in vollen Zügen
Und ſpielte mit ihren Lämmern und Ziegen.

Nun fügte ſich's einmal von ungefähr,
Daß Herr Rippold jagend den Wald kam daher,
Und wiederum, was ſonſt ihn ſo ſchreckte,
Er von ferne den Strohhut der Hirtin entdeckte.

Doch heute erſchien er durchaus nicht verdroſſen,
Am Waldſaume ſtand er wie feſtgegoſſen
Und dachte: „O ſeltſamer Wechſel der Zeit! —
Sonſt floh ich meilen⸗ und meilenweit,
Jetzt mag ich durchaus nicht mehr von der Stelle;
Iſt dies vielleicht auch eine Wirkung der Quelle?“

Drauf faßt' er einen tapfern Entſchluß
Und bewegte zur Jungfrau hinab ſeinen Fuß
Und ſprach, doch nicht ohne innere Sorgen
Und bedeutend verzagt: „Recht guten Morgen!“


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