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V. Aus dem Weiteren. “ 95
„Schön Dank!“ gab ihm die Hirtin zurück,
Dann warf er auf ſie einen ſeltſamen Blick
Und ſchwieg. Eine längere Pauſe entſtand,
Bis daß Herr Rippold ſich wieder ermannt
Und mit tapferm Herzen zum zweiten ſprach:
„Es ſcheint mir heut ein ſehr ſchöner Tag.“
Dann aber, als wäre zu viel ſchon geſchehn,
Verſchwand er, ohne ſich umzuſehn.
Doch item und item — wer weiß wie's geſchah! —
Des andern Tags ſtand er wiederum da,
Und wären die Tannen nicht ſtill und diskret,
So wüßt' man auch, was ſie noch weiter geredt;
Doch jedenfalls blieb es bei ſtiller Verehrung
Und kam zu keiner nähern Erklärung.
Da begab ſich, daß nach etlicher Friſt
Am gewohnten Platze die Maid ward vermißt.
Sie lag zu Haus ſchier gefährlich krank.
Herr Rippold ſprach: „Gott Lob und Dank!
Nun find' ich doch endlich Gelegenheit,
Ihr zu dienen in Treue und Freundlichkeit!“
Und eines Morgens, um ſechs Uhr präzis
— Es wehten die Lüfte gar lieblich und ſüß —
Sah man, wie Herr Rippold beſorgt und gerührt,
Die Hirtin am Arm zu der Quelle geführt,
Er ſchöpfte ein Glas und ſprach zierlich und ſchön:
„Das trinket zu Euerm Wohlergehn,
Dann rat ich Euch, etwas zu promenieren,
Sodann ein zweites Glas zu probieren,
Und unmaßgeblich will mich bedünken,
Wir könnten in Zukunft gemeinſam hier trinken!“
Und item und item — wer weiß wie's geſchah —
Sie ſagte nicht nein, und ſie ſagte nicht ja,
Doch Herr Rippold ging bald in den Tannwald hinaus
Und ſuchte den höchſten Baumſtamm ſich aus,
Und ſchlug einen Nagel hoch oben in Stamm
Und hing ſeine Einſiedelkutte daran.
Die Hirtin aber ward unverweilt
Durch des Quells erquickenden Zauber geheilt,
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