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V. Aus dem Weiteren. 99
Des andern Morgens früh um vier Uhr
Er mit Extrapoſt von dannen fuhr.
Auch der Herr von Queſtenberg von Wien
Nicht mehr, wie ſonſt, an der Quelle erſchien.
Er nahm trotz ſeinem ſeidenen Rock,
In derſelben Kutſche Platz auf dem Bock.
Um acht Uhr ſaß alles wie ſonſt beim Kaffee
Im Hof und unter der Lindenallee,
Doch die Muſik ſchlich traurig heran,
Statt ſechſen waren's nur fünf Mann,
Und was ſie ſpielten, war inkomplett,
Daß ſchier man ſie ausgepfiffen hätt'.
Drum zu den Gäſten mit klagender Miene
Sprach entſchuldigend die erſte Violine:
„Wir ſind ruiniert, ein verſtimmter Akkord:
Die Baßgeig' mitſamt dem Petzold iſt fort!“
Da wurde viel geſchwatzt und geſprochen,
Ob Freund Petzold wohl ſeinen Hals gebrochen,
Oder ob, als leichtfertiger Muſikant,
Er ohne Abſchied von dannen gerannt;
Die Menſchheit iſt ſtets geneigt zum Böſen,
Man machte viel boshafte Hypotheſen:
Er hab', als Verliebter, im Schatten der Nacht
Einer Wälderin ein Baßgeigenſtändchen gebracht
Oder liege, von ſüßem Weine trunken,
Wohl in jammervolle Träume verſunken.
Nur der Flötiſt ſprach mit edelm Mut:
„Der Petzold iſt klug und weiß, was er tut!“
Und wieder nahte die Mittagsſtunde
Und ſaßen die Gäſte in fröhlicher Runde,
Die Schüſſeln dampften — nur auf der Tribüne
Dacht' die Muſik mit betrübter Miene:
„Bald kommt der Braten, o ſchlimmes Signal,
Heut ſpielen wir nur zu unſerer Qual,
Wir ſind ruiniert, ein verſtimmter Akkord,
Die Baßgeig' mitſamt dem Petzold iſt fort!“
Der Braten kam, ſchon ſchwirrten die Geigen,
Da flog durch den Saal ein bedeutungsvoll Schweigen,
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