http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0010
10 Vorwort.
bereiten; die ſchlichte Erzählung der Kloſterchronik von jenem
dem Virgil gewidmeten Stilleben iſt ſelbſt wieder ein Stück
Poeſie, ſo ſchön und ächt, als ſie irgend unter Menſchen zu
finden.
Wer aber von ſolchen Erſcheinungen heimgeſucht wird, dem
bleibt nichts übrig, als ſie zu beſchwören und zu bannen. Und
in den alten Geſchichten hatte ich nicht umſonſt geleſen, auf
welche Art Notker der Stammler einſt ähnlichen Viſionen zu
Leibe ging: er griff einen knorrigen Haſelſtock und hieb tapfer
auf die Dämonen ein, bis ſie ihm die ſchönſten Lieder offen⸗
barten *).
Darum griff auch ich zu meinem Handgewaffen, der Stahl⸗
feder, und ſagte eines Morgens den Folianten, den Quellen
der Geſtaltenſeherei, Valet und zog hinaus auf den Boden, den
einſt die Herzogin Hadwig und ihre Zeitgenoſſen beſchritten;
und ſaß in der ehrwürdigen Bücherei des heiligen Gallus und
fuhr in ſchaukelndem Kahn über den Bodenſee und niſtete mich
bei der alten Linde am Abhang des Hohentwiel ein, wo jetzt
ein trefflicher ſchwäbiſcher Schultheiß die Trümmer der alten
Feſte behütet, und ſtieg ſchließlich auch zu den luftigen Alpen⸗
höhen des Säntis, wo das Wildkirchlein keck wie ein Adlerhorſt
herunterſchaut auf die grünen Appenzeller Täler. Dort in
den Revieren des ſchwäbiſchen Meeres, die Seele erfüllt von
dem Walten erloſchener Geſchlechter, das Herz erquickt von
warmem Sonnenſchein und würziger Bergluft, hab' ich dieſe
Erzählung entworfen und zum größten Teil niedergeſchrieben.
Daß nicht viel darin geſagt iſt, was ſich nicht auf gewiſſen⸗
hafte kulturgeſchichtliche Studien ſtützt, darf wohl behauptet
werden, wenn auch Perſonen und Jahrzahlen, vielleicht Jahr⸗
zehnte mitunter ein weniges in einander verſchoben wurden.
Der Dichter darf ſich, der innern Okonomie ſeines Werkes zu
lieb Manches erlauben, was dem ſtrengen Hiſtoriker als Sünde
anzurechnen wäre. Sagt doch ſelbſt der unübertroffene Ge⸗
ſchichtſchreiber Macaulay: Gern will ich den Vorwurf tragen,
die würdige Höhe der Geſchichte nicht eingehalten zu haben,
wenn es mir nur gelingt, den Engländern des neunzehnten
Jahrhunderts ein treues Gemälde des Lebens ihrer Vorfahren
vorzuführen.
*) Ekkehardi IV. casus S. Galli cap. 3 bei Pertz, Mon. II. 98.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0010