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Vorwort. 11
Dem Wunſche ſachverſtändiger Freunde entſprechend, ſind
in Anmerkungen einige Zeugniſſe und Nachweiſe der Quellen
angeführt, zur Beruhigung derer, die ſonſt nur Fabel und
müßige Erfindung in dem Dargeſtellten zu wittern geneigt ſein
könnten. Wer aber auch ohne ſolche Nachweiſe Vertrauen auf
eine gewiſſe Ächtheit des Inhalts ſetzt, der wird erſucht, ſich in
die Noten nicht weiter zu vertiefen; ſie ſind Nebenſache und
wären überflüſſig, wenn das Ganze nicht als Roman in die
Welt ginge, der die Vermutung leichtſinnigen Spiels mit den
Tatſachen wider ſich zu haben pflegt.
Den Vorwürfen der Kritik wird mit Gemütsruhe entgegen⸗
geſehen. „Eine Geſchichte aus dem zehnten Jahrhundert?“
werden ſie rufen, „wer reitet ſo ſpät durch Nacht und Wind?“
Und ſteht's nicht im neuſten Handbuch der Nationalliteratur
im Kapitel vom vaterländiſchen Roman gedruckt zu leſen:
„Fragen wir, welche Zeiten vorzugsweiſe geeignet ſein dürf⸗
ten, in der deutſchen Geſchichte das Lokale mit dem National⸗
intereſſe zu verſöhnen, ſo werden wir wohl zunächſt das eigent⸗
liche Mittelalter ausſchließen müſſen. Selbſt die Hohenſtaufen⸗
zeit läßt ſich nur noch lyriſch anwenden, ihre Zeichnung fällt
immer düſſeldorfiſch aus.“
Auf all die Einwände und Bedenken derer, die ein ſcharfes
Benagen harmloſem Genießen vorziehen und den deutſchen
Geiſt mit vollen Segeln in ein alexandriniſches oder byzanti⸗
niſches Zeitalter hineinzurudern ſich abmühen, hat bereits eine
literariſche Dame des zehnten Jahrhunderts, die ehrwürdige
Nonne Hroswitha von Gandersheim, im fröhlichen Selbſt⸗
gefühl eigenen Schaffens die richtige Antwort gegeben. Sie
ſagt in der Vorrede zu ihren anmutigen Komödien: Si enim
alicui placet mea devotio, gaudebo. Si autem pro mei abiec-
tione vel pro viciosi sermonis rusticitate nulli placet: memet
ipsam tamen iuvat quod feci. Zu deutſch: „Wofern nun
jemand an meiner beſcheidenen Arbeit Wohlgefallen findet, ſo
wird mir dies ſehr angenehm ſein; ſollte ſie aber wegen der
Verleugnung meiner ſelbſt oder der Rauheit eines unvollkom⸗
menen Stils niemanden gefallen, ſo hab' ich doch ſelber meine
Freude an dem, was ich geſchaffen.“
Heidelberg, im Februar 1855.
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