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Die Jünger des heiligen Gallus. 23
Zweites Kapitel.
Die Jünger des heiligen Gallus.
Des andern Tages fuhr die Herzogin ſamt Praxedis und
großer Gefolgſchaft im lichten Schein des Frühmorgens über
den Bodenſee. Der See war prächtig blau, die Wimpel flaggten
luſtig, und war viel Kurzweil auf dem Schiff. Wer ſollt' auch
traurig ſein, wenn er über die kriſtallklare Waſſerfläche dahin⸗
ſchwebt, diebaumumſäumten Geſtade mit Mauern und Türmen
ziehen in buntem Wechſel an ihm vorbei, fern dämmern die
ſchneeigen Firnen und der Widerſchein des weißen Segels ver⸗
zittert im Spiele der Wellen?
Keines wußte, wo das Ziel der Fahrt. Sie waren's aber
ſo gewohnt.
Wie ſie an der Bucht von Rorſchach ¹⁰) anfuhren, hieß die
Herzogin einlenken. Zum Ufer ſteuerte das Schiff, übers
ſchwanke Brett ſtieg ſie ans Land. Und der Waſſerzoller kam
herbei, der dort den Welſchlandfahrern das Durchgangsgeld
abnahm, und der Weibel des Markts und wer immer am jun⸗
gen Hafenplatz ſeßhaft war, ſie riefen der Landesherrin ein
rauhes: Heil Herro! Heil Liebo ¹¹)] zu und ſchwangen mächtige
Tannenzweige. Grüßend ſchritt ſie durch die Reihen und gebot
ihrem Kämmerer, etliche Silbermünzen auszuwerfen, aber es
galt kein langes Verweilen. Schon ſtanden die Roſſe bereit,
die waren zur Nachtzeit insgeheim vorausgeſchickt worden; wie
alle im Sattel ſaßen, ſprach Frau Hadwig: Zum heiligen Gal⸗
lus! Da ſchauten ſich die Dienſtleute verwundert an: Was ſoll
uns die Wallfahrt? Zum Antworten war's nicht Zeit, ſchon
ging's im Trab das hügelige Stück Landes hinauf, dem Gottes⸗
haus entgegen.
Sankt Benedikt und ſeine Schüler haben die bauliche Anlage
ihrer Klöſter wohl verſtanden. Land ab, Land auf, ſo irgendwo
eine Anſiedelung ſteht, die gleich einer Feſtung einen ganzen
Strich beherrſcht, als Schlüſſel zu einem Tal, als Mittelpunkt
ſich kreuzender Heerſtraßen, als Hort des feinſten Weinwuchſes:
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