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Die Jünger des heiligen Gallus. 31
Landverwüſters und Kloſterſchädigers, der den koſtbarſten Kelch
bei uns als Kriegsſteuer erhob?²7⁷) und höhnend dazu ſagte:
Gott ißt nicht und trinkt nicht, was nutzen ihm die güldenen
Gefäße? Laßt ihr das Tor geſchloſſen!
Das war jedoch dem Abt nicht recht. Er ſuchte einen Aus⸗
weg. Die Beratung ward ſtürmiſch, ſie ſprachen hin und her.
Der Bruder Wolo, da er hörte, daß von einer Frau die Rede,
ſchlich leis von dannen und ſchloß ſich in ſeine Zelle.
Da hob ſich unter den jüngeren einer und erbat das Wort.
Sprechet, Bruder Ekkehard ²8), rief der Abt.
Und das wogende Gemurmel verſtummte; alle hörten den
Ekkehard gern. Er war jung an Jahren, von ſchöner Geſtalt
und feſſelte jeden, der ihn ſchaute, durch ſittige Anmut, dabei
weiſe und beredt, von klugverſtändigem Rat und ein ſcharfer Ge⸗
lehrter. An der Kloſterſchule lehrte er den Virgilius, und wie⸗
wohl in der Ordensregel geſchrieben ſtand: zum Pörtner ſoll
ein weiſer Greis erwählt werden, dem geſetztes Alter das Irr⸗
lichtelieren unmöglich macht, damit die Ankommenden mit
gutem Beſcheid empfangen ſeien, ſo waren die Brüder eins, daß
er die erforderlichen Eigenſchaften beſitze, und hatten ihm auch
das Pörtneramt übertragen.
Ein kaunm ſichtbares Lächeln war über ſeinen Lippen gelegen,
dieweil die Alten ſich ſtritten. Jetzt erhob er ſeine Stimme
und ſprach:
Die Herzogin in Schwaben iſt des Kloſters Schirmvogt und
gilt in ſolcher Eigenſchaft als wie ein Mann. Und wenn in
unſerer Satzung ſtreng geboten iſt, daß kein Weib den Fuß über
des Kloſters Schwelle ſetze: man kann ſie ja darüber tragen.
Da heiterten ſich die Stirnen der Alten, als wäre jedem ein
Stein vom Herzen gefallen, beifällig nickten die Kapuzen, auch
der Abt war des verſtändigen Wortes nicht unbewegt und
ſprach:
Fürwahr, oftmals offenbart der Herr einem Jüngeren das
Dienlichſte ²²), Bruder Ekkehard, Ihr ſeid ſanft wie die Taube,
aber klug wie die Schlange, ſo ſollt Ihr des eigenen Rats Voll⸗
ſtrecker ſein. Wir geben Euch Dispens.
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