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32 Zweites Kapitel.
Dem Pörtner ſchoß das Blut in die Wangen, er verbeugte
ſich, ſeinen Gehorſam anzudeuten.
Und der Herzogin weibliche Begleitung? frug der Abt weiter.
Da wurde der Konvent eins, daß für dieſe auch die freimütigſte
Geſetzesauslegung keine Möglichkeit des Eintritts eröffne. Der
böſe Sindölt aber ſprach: Die mögen indeſſen zu den Klausne⸗
rinnen auf den Irenhügel gehen; wenn des heiligen Gallus
Herde von einer Landplage heimgeſucht wird, ſoll die fromme
Wiborad auch ein Teil daran leiden.
Der Abt pflog noch eine lange flüſternde Verhandlung mit
Gerold, dem Schaffner, wegen des Veſperimbiſſes; dann ſtieg
er von ſeinem Steinſitz und zog mit der Brüder Schar den
Gäſten entgegen. Die waren draußen ſchon dreimal um des
Kloſters Umfriedung herumgeritten und hatten ſich mit
Glimpf und Scherz des Wartens Ungeduld vertrieben.
In der Tonweiſe: justus germinavit kamen itzt die ein⸗
tönigen ſchweren Klänge des Lobliedes auf den heiligen Bene⸗
dictus aus dem Kloſterhof zu den Wartenden gezogen, das
ſchwere Tor knarrte auf, heraus ſchritt der Abt, paarweiſe
langſamen Ganges der Zug der Brüder, die beiden Reihen
erwiderten ſich die Strophen des Hymnus.
Dann gab der Abt ein Zeichen, daß der Geſang verſtumme.
Wie geht's Euch, Vetter Cralo, rief die Herzogin leichtfertig
vom Roß, hab' Euch lange nicht geſehen. Hinket Ihr noch?
Cralo aber ſprach ernſt: Es iſt beſſer, der Hirt hinke als
die Herde ³⁰). Vernehmet des Kloſters Beſchluß.
Und er eröffnete die Bedingung, die ſie auf den Eintritt
geſetzt. Da ſprach Frau Hadwig lächelnd: Solang ich den
Zepter führe in Schwabenland, iſt mir ein ſolcher Vorſchlag
nicht gemacht worden. Aber Eures Ordens Vorſchrift ſoll von
uns kein Leides geſchehen; welchem der Brüder habt Ihr's
zugewieſen, die Landesherrin über die Schwelle zu tragen?
Sie ließ ihr funkelnd Auge über die geiſtliche Heerſchar
ſtreifen. Wie ſie auf Notker des Stammlers unheimlich
Schwärmerantlitz traf, flüſterte ſie leiſe der Griechin zu: Mög⸗
lich, daß wir gleich wieder umkehren!
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