http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0035
Wiborada Recluſa. 35
Frau Hadwig fügte ſich. Leicht bog ſie das Knie, da ſie die
Kutte aus ſeinen Händen empfing; ſie warf das ungewohnte
Kleidungsſtück um, es ſtand ihr gut, faltig war's und weit, wie
die Regel beſagt: Der Abt ſoll ein ſcharfes Auge haben, daß
die Gewänder nicht zu kurz ſeien für ihre Träger, ſondern
wohlgemeſſen.
Reizend ſah das lichte Frauenantlitz aus der dunkeln Ka⸗
puze.
Für Euch gilt das Gleiche! rief nun der Abt zu der Her⸗
zogin Gefolge. Da hatte der böſe Sindolt ſeine Freude dran,
Herrn Spazzo einzukleiden. Und wißt Ihr auch, raunte er ihm
ins Ohr, was die Kutte für Euch zu bedeuten hat? — Daß
Ihr die Gelüſte der Welt abſchwöret und einen mäßigen, armen
und keuſchen Wandel gelobet für immerdar!
Herr Spazzo war ſchon mit dem rechten Arm in das faltige
Ordensgewand gefahren, ſchnell zog er ihn wieder zurück: Halt
an, zürnte er, da muß ich Einſprache tun! Sindolt ſchlug ein
Gelächter auf, da merkte der Kämmerer, es ſei ſo ernſt nicht
gemeint und ſprach: Bruder, Ihr ſeid ein Schalk.
Bald prangten auch die Gefolgsmänner im Schmuck des
Ordenskleides, manchem der neuerſchaffenen Mönche hing der
lange Bart ordnungswidrig bis an Gürtel, und das ſittige
Niederſchlagen des Blicks gelang noch nicht ganz nach Vor⸗
ſchrifts3).
Der Abt geleitete ſeine Gäſte zuerſt zur Kirche.
Drittes Kapitel.
Wiborada Recluſa.
Einer von denen, die am wenigſten ſich des unerwarteten
Beſuches ergötzten, war Romeias, der Wächter am Tor. Er
wußte ungefähr, was ihm bevorſtand, aber nicht alles. Wäh⸗
rend der Abt die Herzogin empfing, kam Gerold, der Schaffner,
zu ihm und ſprach: Romeias, rüſtet Euch, auszuziehen! Ihr
ſollt auf den nächſten Meierhöfen anſagen, daß ſie noch heut vor
3 2*
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0035