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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0037
Wiborada Reclua. 37

Praxedis muſterte den wilden Jägersmann und war ſich
nicht klar, was ſie aus ihm machen ſollte; mit ſchnippiſcher
Stimme fragte ſie: Wohin, guter Freund? Romeias aber hob
ſeinen Spieß und deutete nach einem nahen Hügel hinter dem
Walde und ſagte nichts. Da ſprach Praxedis: Sind die Worte
bei Euch in Sankt Gallen ſo teuer zu kaufen, daß Ihr keinen
andern Beſcheid gebt?
Tie Dienerinnen lachten.
Da ſprach Romeias ernſt: Möcht' euch doch allzuſamt ein
Donnerwetter ſieben Klafter tief in Erdboden hinein verſchla⸗
gen!
Praxedis erwiderte: Wir danken Euch, guter Freund! Hie⸗
mit war die ſchickliche Einleitung zu einem Geſpräch gefunden.
Romeias eröffnete ſeinen Auftrag, die Frauen folgten ihm
willig. B
Und allmählich fand der Wächter, daß es nicht der härteſte
Dienſt ſei, ſolche Gäſte zu geleiten, und wie die Griechin ihn
des Näheren über Wächterei und Jagdhantierung befragte,
ward ſeine Zunge gelöſt, und er erzählte von Bären und Wild⸗
ſchweinen, daß es eine Freude war, und erzählte ſogar ſein
großes Jagdſtück von dem furchtbaren Eber, dem er einſt den
Speer in die Seite geworfen und ihn doch nicht zu erlegen ver⸗
mocht, denn er hatte Füße, einer Wagenlaſt an Maße gleich,
und Borſten, ſo hoch wie die Tannen des Forſtes, und Zähne,
zwölf Ellen lang ³6), — und ward zuſehends artiger, denn wie
die Griechin einmal ihren Schritt hemmte, um einer Droſſel
Schlag zu belauſchen, hielt auch Romeias geduldig an, wiewohl
ihm ſonſt ein Singvogel ein viel zu erbärmlich Stück Wild war,
als daß er ihn großen Aufmerkens gewürdigt. Und wie Praxe⸗
dis ſich nach einem ſchönen Goldkäfer bückte, der im rötlichen
Moos herumkletterte, wollte ihr Romeias dienſtwillig den Kä⸗
fer mit ſchwerbeſohltem Fuß zur Hand ſchieben, und daß er ihn
bei ſolcher Gelegenheit zertrat, war nicht ſeine Abſicht.
Sie ſtiegen einen düſtern Bergpfad hinauf; über zerklüftete
Nagelfluhfelſen rann die Schwarza zu Tale. An jenem Ab⸗
hang war einſt der heilige Gall in die Dornen gefallen und


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