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40 Drittes Kapitel.
Dumpfes, langſam und halb durch die Naſe geſungenes Pſal⸗
modieren tönte durch die Einſamkeit.
Romeias klopfte mit ſeinem Jagdſpieß an den Fenſterladen,
der blieb, wie er war, angelehnt; das Pſalmodieren tönte fort.
Da ſprach der Wächter: Wir müſſen ſie anderweitig heraus⸗
klopfen!
Romeias war ein Mann von ungeſchliffener Lebensart,
ſonſt hätte er nicht getan, was er jetzt tat.
Er begann ein Lied zu ſingen, womit er oftmals die Kloſter⸗
ſchüler ergötzte, wenn ſie in ſeine Turmſtube entwiſchten, ihn
am Bart zu zupfen und mit dem großen Wächterhorn zu ſpie⸗
len. Es war eine jener Kantilenen, wie deren, ſeit daß es eine
deutſche Zunge gibt, auf freier Heerſtraße, an Wegſcheiden und
Waldecken und draus auf weiter Heide ſchon manches gute
Tauſend in Wind geſungen und wieder verweht worden, und
lautete alſo:
Ich weiß einen Stamm im Eichenſchlag,
Der ſteht im grünſten Laube,
Dort lockt und lacht den ganzen Tag
Eine ſchöne wilde Taube.
Ich weiß einen Fels, draus ſchillt und ſchallt
Nur Krächzen und Geheule,
Dort hauſt fahlgrau und mißgeſtalt
Eine heiſre Schleiereule.
Des Jägers Horn bringt ſüßen Klang,
Des Jägers Pfeil Verderben:
Die Taube grüß ich mit Geſang,
Die Eul' muß mir erſterben!
Romeias' Lied hatte ungefähr die Wirkung, als wenn er
einen Feldſtein in Wiborads Laden geworfen. Alsbald erſchien
eine Geſtalt an der viereckigen Fenſteröffnung, auf hagerem
Halſe hob ſich ein blaſſes, vergilbtes Frauenantlitz, in dem der
Mund eine feindſelige Richtung aufwärts gegen die Naſe ge⸗
nommen; von dunklem Schleier vermummt, beugte ſie ſich
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