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Wiborada Recluſa. 41
weit aus dem Fenſterlein, die Augen glänzten unheimlich.
Schon wieder, Satanas? rief ſie.
Da trat Romeias vor und ſprach mit gemütlichem Aus⸗
druck: Der böſe Feind weiß keine ſo ſchönen Lieder wie Ro⸗
meias, der Kloſterwächter. Beruhigt Euch, Schweſter Wiborad,
ich bring ein paar feine Jungfräulein, die Herren im Kloſter
laſſen ſie Euch zu annehmlicher Unterhaltung empfohlen ſein.
Hebet euch weg, ihr Truggeſtalten! rief die Klausnerin. Wir
kennen die Schlingen, die der Verſucher legt. Weichet, weichet!
Praxedis aber näherte ſich der Zelle und neigte ſich ſittig
vor der dürren Bewohnerin: ſie komme nicht aus der Hölle,
ſondern vom hohen Twiel herüber, ſetzte ſie ihr auseinand. Ein
wenig falſch konnte das Griechenkind auch ſein, denn wiewohl
ihre Kenntnis von der Klauſe im Schwarzatal ſich erſt von
heute herſchrieb, fügte ſie doch bei, ſie hätten von dem aufer⸗
baulichen Wandel der Schweſter Wiborad ſchon ſo viel ver—⸗
nommen, daß ſie die erſte Gelegenheit genutzt, bei ihr anzu⸗
ſprechen.
Da ſchien es, als wollten ſich einige Runzeln auf Wiborads
Stirn glätten. Reich mir deine Hand, Fremde! ſprach ſie und
reckte ihren Arm zum Fenſterlein hinaus. Die Kutte ſtreifte
ſich ein weniges zurück, da war er in ſeiner ganzen fleiſchloſen
Magerkeit dem Sonnenſchein ausgeſetzt.
Praxedis reichte ihr die Rechte. Wie der junge, lebenswarme
Pulsſchlag der weißen Hand an der Klausnerin dürre Finger
anſchlug, ward ſie langſam von der Griechin Menſchlichkeit
überzeugt.
Romeias merkte die Wendung zum Beſſeren, er wälzte etliche
Felsſtücke unter das Fenſter der Zelle. In zwei Stunden hol'
ich euch wieder ab; behüt' Gott, ihr Jungfräulein! ſprach
er. Und erſchreckt nicht, wenn ſie in Verzuckung kommt, flüſterte
er der Griechin zu.
Hiemit pfiff Romeias ſeinen Hunden und ſchritt ins Wal⸗
desdickicht. Er legte auch etwa dreißig Schritte ohne Hindernis
zurück, aber dann drehte er ſein ſtruppig Haupt und wandte den
ganzen Menſchen um; auf den Spieß geſtemmt, ſchaute er un⸗
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