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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0043
Wiborada Recluſa. 43

gang und ſinge den Pſalm: Herr, zu meinem Beiſtand eile her⸗
bei! — und will auch dann der Friede nicht bei dir einkehren,
ſo brenn ein Wachslicht an und halt den Zeigefinger über die
Flamme, ſo wirſt du ſicher ſein zur Stunde 4³). Das Feuer
heilt das Feuer.
Praxedis ſchlug die Augen nieder.
Eure Worte ſind bitter, ſprach ſie.
Bitter, rief die Klausnerin, gelobt ſei der Herr, daß auf
meinen Lippen kein ſüßer Schmack wohnt. Der Mund der Hei⸗
ligen muß bitter ſein. Da Pachomius in der Wüſte ſaß, trat
der Engel des Herrn zu ihm und brach die Blätter des Lor⸗
beerbaumes und ſchrieb Worte des Gebetes drauf und gab ſie
dem Pachomius und ſprach: Verſchling die Blätter; ſie werden
ſchmecken in deinem Mund wie Galle, aber dein Herz wird er⸗
füllt werden vom Überſchwall wahrer Weisheit. Und Pachomius
nahm die Blätter und aß ſie, und von Stund an blieb ſein
Mund bitter, ſein Herz aber füllte ſich mit Süße, und er pries
den Herrn 44).
Praxedis ſchwieg. Es blieb eine Zeitlang ſtill. Die andern
Frauen der Herzogin waren nicht mehr zu ſehen. Wie die
Klausnerin ihren Gürtel herausreichte, hatten ſie einand mit
dem Ellbogen angeſtoßen und waren leiſe um das Häuslein
geſchlichen. Sie pflückten einen großen Strauß Heidekraut und
Herbſtblumen im Walde und kicherten dazu.
Wollen wir auch ſolch einen Gürtel umlegen? ſprach die
eine.
Wenn die Sonne ſchwarz aufgeht, ſprach die andre.
Praxedis hatte den Strick ins Gras gelegt. Ich will Euch
Eures Gürtels nicht berauben, ſprach ſie jetzt ſchüchtern zum
Fenſter der Zelle hinauf.
O harmlos Gemüt, ſprach Wiborad, der Gürtel, den wir
tragen, iſt kein Kinderſpiel wie der, den ich dir reichte; der
Gürtel Wiborads iſt ein eiſerner Reif mit ſtumpfen Stacheln
und klirrt wie eine Kette und ſchneidet ein; — deine Augen
erſchauerten ſeines Anblicks 45⁵).
Praxedis ſchaute nach dem Wald, als wolle ſie ſpähen, ob


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