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60 Viertes Kapitel.
Gelegenheit ergeben, in frei erſonnener Rede des hohen Gaſtes
Ruhm zu preiſen. Den Eindruck unmittelbaren Erguſſes zu
erhöhen, ſtudierte er ſie vorher. Er wollte des Tacitus Spruch
von den Germanen 6⁶6) zugrund legen: „Sie glauben auch, daß
den Frauen etwas Heiliges und Zukunftvorausſehendes in⸗
wohne, darum verſchmähen ſie niemals ihren Rat und fügen
ſich ihren Beſcheiden.“ Es war dies faſt das Einzige, was er
aus Hörenſagen von den Frauen wußte, aber er zwinkte mit
den Eichhörnleinsaugen und war ſicher, von dort unter etlichen
biſſigen Ausfällen auf ſeine Mitbrüder einen Übergang zum
Lob der Herzogin zu finden. Leider blieb die Gelegenheit zu
Anbringung einer Rede aus, weil er ſie nicht zu finden ver⸗
ſtand.
In anderer Zelle ſaßen der Brüder ſechs unter dem rieſigen
Elfenbeinkamm ⁶), der an eiſerner Kette von der Decke herab⸗
hing, — Abt Hartmuths nützliche Stiftung — die vorgeſchriebe⸗
nen Gebete murmelnd, erwies einer dem andern den Dienſt
ſorglicher Glättung des Haupthaares. Ward auch manch über⸗
wachſene Tonſur in jener Zeit zu ſtrahlendem Glanze erneut.
In der Küche aber ward unter Gerold, des Schaffners, Lei⸗
tung eine Tätigkeit entwickelt, die nichts zu wünſchen übrig ließ.
Jetzo läutete das Glöcklein, deſſen Ton auch von den frömm⸗
ſten Brüdern noch keiner unwillig gehört: der Ruf zur Abend⸗
mahlzeit. Abt Cralo geleitete die Herzogin ins Refektorium.
Sieben Säulen teilten den luftigen Saal hälftig ab, an vier⸗
zehn Tiſchen ſtanden, wie Heerſcharen der ſtreitenden Kirche,
des Kloſters Mitglieder, Prieſter und Diakonen; ſie erwieſen
dem hohen Gaſt keine ſonderliche Aufmerkſamkeit.
Das Amt des Vorleſers ⁶8) vor dem Imbiß ſtund in dieſer
Woche bei Ekkehard, dem Pörtner. Der Herzogin zu Ehren
hatte er den vierundvierzigſten Pſalm erkoren, er trat auf und
ſprach einleitend: „Herr, öffne meine Lippen, auf daß mein
Mund dein Lob verkünde,“ und alle ſprachen's ihm murmelnd
nach, als Segen zu ſeiner Leſung.
Nun erhub er ſeine Stimme und begann den Pſalm, den die
Schrift ſelber einen lieblichen Geſang nennet:
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