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Im Kloſter. 63
Apfelweinlein mit dem Saft von Brombeeren gemiſcht vor⸗
geſetzt. Wie aber Herr Spazzo ihm ſchier mit einem Fauſt⸗
ſchlag gelohnt hätte, holte er, ihn zu ſänftigen, des dunkel⸗
roten Valtelliners einen Henkelkrug. Der Valtelliner iſt ein
wackerer Wein, in dem ſchon der Kaiſer Auguſtus ſeinen
Schmerz über die Varusſchlacht niedergetrunken ³); und all⸗
mählich verſöhnte ſich Herr Spazzo, trank auch auf das Wohl⸗
ergehen des Biſchofs von Chur, dem das Kloſter dieſen Wein
verdankte, ohne daß er ihm ſonſt näher bekannt war, ſeinen
Becher leer, und Sindolt tat wacker Beſcheid.
Was ſagt euer Patron zu ſolchem Trinken? fragte der
Kämmerer.
Sankt Benedikt war ein weiſer Mann, ſprach Sindolt. Dar⸗
um ſchrieb er in ſein Geſetz: Wiewohl zu leſen ſteht, daß der
Wein überhaupt kein Trunk für Mönche ſei, ſo mag dies doch
heutigentages keinem einzigen mehr mit Überzeugung einge⸗
redet werden. Darum, und ſchwächlicheren Gemütes Hinfällig⸗
keit erwägend, ordnen wir dem einzelnen eine halbe Maß für
den Tag zu. Keiner aber ſoll trinken bis zur Sättigkeit, denn
der Wein macht auch den Weiſeſten abtrünnig vom Pfade der
Weisheit 74⁴)
Gut! ſprach Spazzo und trank ſeinen Becher aus.
Wißt Ihr aber auch, frug Sindolt, was den Brüdern zu tun
vorgeſchrieben ſteht, in deren Gegend wenig oder gar kein
Rebenſaft gedeihen mag? Die ſollen Gott loben und preiſen
und nicht murren.
Auch gut! ſprach Spazzo und trank wiederholt ſeinen Becher
aus.
Der Abt ſuchte inzwiſchen ſeine fürnehme Baſe nach Kräften
zu unterhalten. Er fing an, Herrn Burkhards trefflichen Eigen⸗
ſchaften einen Nachruf zu halten. Aber Frau Hadwigs Antwor⸗
ten waren karg und einſilbig. Da merkte der Abt, daß alles
ſeine Zeit habe, namentlich die Liebe einer Witib zum ver⸗
ſtorbenen Ehemann. Er wandte das Geſpräch und fragte, wie
ihr des Kloſters Schulen gefallen.
Mich dauert das junge Völklein, ſprach die Herzogin, daß
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