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Im Kloſter. 65
Cicero auf den verſchlungenen Pfaden weltlicher Klugheit den
rechten Steg wandeln? ſchöpfen wir nicht aus Salluſt und
Livius Anweiſung zu Mannesmut und Stärke, aus Virgils
Geſängen die Ahnung unvergänglicher Schönheit? Die Schrift
iſt uns Leitſtern des Glaubens, die Alten aber leuchten zu
uns herüber wie das Spätrot einer Sonne, die auch nach ihrem
Niedergang noch mit erquickendem Widerſchein in des Menſchen
Gemüt ſtrahlt...
Ekkehard ſprach mit Bewegung. Die⸗Herzogin hatte ſeit
dem Tag, als der alte Herzog Burkhard um ihre Hand anhielt,
keinen Menſchen mehr geſehen, der für etwas begeiſtert war.
Sie trug einen hohen Geiſt in ſich, der ſich leicht auch Fremd⸗
artigem zuwandte. Griechiſch hatte ſie in jungen Tagen der
byzantiniſchen Werbung wegen ſchnell gelernt. Latein flößte ihr
eine Art Ehrfurcht ein, weil es ihr fremd war. Unbekanntes
imponiert, Erkenntnis führt auf den wahren Wert, der meiſt
geringer iſt als der geahnte. Mit dem Namen Virgilius war
auch der Begriff des Zauberhaften verbunden...
In jener Stunde ſtieg in Hadwigs Herz der Entſchluß auf,
Lateiniſch zu lernen. Zeit dazu hatte ſie. Wie ſie ihren Nach⸗
bar Ekkehard noch einmal angeſchaut hatte, wußte ſie auch,
wer ihr Lehrer ſein ſollte...
Der ſtattliche Nachtiſch, auf dem Pfirſiche, Melonen und
trockene Feigen geprangt hatten, war verzehrt. Lebhaftes Ge⸗
ſpräch an den andern Tiſchen deutete auf nicht unfleißiges Krei⸗
ſen des Weinkrugs.
Auch nach der Mahlzeit, — ſo wollte es des Ordens Regel —
war zur Erbauung der Gemüter ein Abſchnitt aus der Schrift
oder dem Leben heiliger Väter zu verleſen.
Ekkehard hatte am Tag zuvor das Leben des heiligen Bene⸗
diktus begonnen, das einſt Papſt Gregorius abgefaßt. Die
Brüder rückten die Tiſche zuſammen, der Weinkrug ſtand un⸗
bewegt, und es ward ſtill in der Runde. Ekkehard fuhr mit dem
zweiten Kapitel 76) fort:
„Eines Tages aber, dieweil er allein war, nahte ihm der
Verſucher. Denn ein ſchwarzer kleiner Vogel, der gemeinig⸗
Scheffel. V/VI. 5
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