http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0067
Im Kloſter. 67
Würdet Ihr mich das Lateiniſche lehren, junger Verehrer
des Altertums, wenn ich's lernen wollte ⁷)?
Da klang es in Ekkehards Herz wie ein Widerhall des Ge⸗
leſenen: „Wirf dich in die Neſſeln und Dornen und ſag Nein!“
er aber ſprach:
Befehlet, ich gehorche!
Die Herzogin ſchaute den jungen Mönch noch einmal mit
einem ſonderbar flüchtigen Blicke an, wandte ſich dann zum
Abt und ſprach über gleichgiltige Dinge.
Die Kloſterbrüder zeigten noch kein Verlangen, des Tages
günſtige Gelegenheit unbenutzt verſtreichen zu laſſen. In des
Abts Augen mochte ein gnädig milder Schein leuchten, und der
Kellermeiſter ſchob auch keinen Riegel für, wenn ſie mit leeren
Krügen die Stufen hinab ſtiegen. Am vierten Tiſch begann der
alte Tutilo gemütlich zu werden und erzählte ſeine unvermeid⸗
liche Geſchichte mit den zwei Räubern s); immer lauter klang
ſeine ſtarke Stimme durch den Saal: Der eine alſo zur Flucht
ſich gewendet — ich ihm nach mit meinem Eichpfahl — er Spieß
und Schild weg zu Boden, — ich ihn am Hals gefaßt — den
weggeworfenen Spieß in ſeine Fauſt gedrückt: Du Schlingel
von einem Räuber, zu was biſt auf der Welt? Fechten ſollſt
mit mir!...
Aber ſie hatten's ſchon allzu oft hören müſſen, wie er dann
dem Kampfgenötigten den Schädel eingeſchlagen, und zupften
und nötigten an ihm, ſie wollten ein ſchönes Lied anſtimmen;
wie er endlich mit dem Haupte nickte, ſtürmten etliche hinaus:
bald kamen ſie wieder mit Inſtrumenten. Der brachte eine
Laute, jener ein Geiglein, worauf nur eine Saite geſpannt, ein
anderer eine Art Hackbrett mit eingeſchlagenen Metallſtiften,
zu deren Anſchlag ein Stimmſchlüſſel dienlich war, wiederum
ein anderer eine kleine zehnſaitige Harfe, Pſalter hießen ſie
das ſeltſam geformte Inſtrument und ſahen in ſeiner dreieckigen
Geſtalt ein Symbol der Dreieinigkeit ⁷9).
Und ſie reichten ihm ſeinen dunkeln Taktſtab von Ebenholz.
Da erhob ſich lächelnd der graue Künſtler und gab ihnen das
Zeichen zu einer Muſica, die er ſelbſt in jungen Tagen auf⸗
5 *
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0067