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68 Viertes Kapitel.
geſetzet; mit Freudigkeit hörten's die andern 8). Nur Gerold,
dem Schaffner, ward's mit dem Aufklingen der Melodien me⸗
lancholiſch zu Gemüte, er überzählte die abgetragenen Schüſ⸗
ſeln und die geleerten Steinkrüge, und wie ein Text zur Sing⸗
weiſe flog's ihm durch den Sinn: Wie viel hat dieſer Tag ver⸗
ſchlungen an Kloſtergeld und Gut8¹)? Leiſe ſchlug er mit
ſandalenbeſchwertem Fuße den Takt, bis der letzte Ton ver⸗
klang.
Zu unterſt am Tiſche ſaß ein ſtiller Gaſt mit blaßgelbem
Angeſicht und ſchwarzkrauſem Gelock; er war aus Welſchland
und hatte von des Kloſters Gütern im Lombardiſchen die
Saumtiere mit Kaſtanien und Ol herübergeleitet. In weh⸗
mütigem Schweigen ließ er die Flut der Töne über ſich er⸗
brauſen.
Nun, Meiſter Johannes, ſprach Folkard, der Maler, zu ihm,
iſt die welſche Feinfühligkeit jetzt zufrieden geſtellt? Den Kaiſer
Julianus mutete einſt unſerer Vorväter Geſang an wie das
Geſchrei wilder Vögel, aber ſeither haben wir's gelernt.
Klingt's Euch nicht lieblicher als Sang der Schwanen 8²)?
Lieblicher — als Sang der Schwanen — — wiederholte
der Fremde wie im Traum. Dann erhob er ſich und ſchlich leiſe
von dannen. Es hat's keiner im Kloſter zu leſen bekommen,
was er in jener Nacht noch ins Tagebuch ſeiner Reiſe eintrug:
Dieſe Männer diesſeits der Alpen, ſchrieb er, wenn ſie auch
den Donner ihrer Stimmen hoch gen Himmel erdröhnen laſ⸗
ſen, können ſich doch nimmer zur Süße einer gehobenen Modu⸗
lation erſchwingen. Wahrhaft barbariſch iſt die Rauheit ſolch
abgetrunkener Kehlen; wenn ſie durch Beugung und Wieder⸗
aufrichtung des Tons einen ſanften Geſang zu ermöglichen
ſuchen, ſchauert die Natur, und es klingt wie das Fahren eines
Wagens, der in Winterszeit über gefrorenes Pflaſter dahin
knarrt.. 83)
Herr Spazzo gedachte, was löblich begonnen, auch löblich
zu enden, er ſchlich ſich fort über den Hof in das Gebäude, wo
Praxedis und die Dienerinnen waren, und ſprach: Ihr ſollet
zur Herzogin kommen, und zwar gleich — ſie lachten erſt ob
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