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72 Fünftes Kapitel.
Vorgeſetzten Willen ſonder Zagen und Aufſchub, ſonder Lau⸗
heit und Murren vollziehen.
Er beugte ſein Knie vor dem Abte.
Dann ging er nach ſeiner Zelle. Es war ihm, als hätte
er geträumt. Seit geſtern war ihm faſt zu vieles begegnet. Es
geht noch andern ebenſo: lang einförmig ſchleicht das Leben,
— wenn des Schickſals Wendungen kommen, folgt Schlag auf
Schlag. Er rüſtete ſich zur Reiſe. „Was du begonnen, laß un⸗
vollendet zurück, zieh ab deine Hand vom Geſchäft, darin ſie
tätig war, zeuch aus im Schritt des Gehorſames,“ es war ihm
kaum Not, ſich dieſen Satz ſeiner Regel vorzuhalten.
Auf ſeiner Zelle lagen die Pergamente des Pſalmenbuchs ³⁸7),
das Folkard mit Meiſterhand geſchrieben und mit feinen Bild⸗
werken verziert hatte. Ekkehard war beauftragt, mit der wert⸗
vollen Goldfarbe, die der Abt jüngſt von venezianiſchen Han⸗
delsleuten erkauft hatte, die Anfangsbuchſtaben auszumalen
und den Figuren durch leiſen Goldſtrich an Krone, Zepter,
Schwert und Mantelſaum die letzte Vollendung zu geben.
Er nahm Pergament und Farben und trug's ſeinem Ge⸗
fährten hinüber, daß der ſtatt ſeiner die letzte Hand ans Be⸗
gonnene lege; Folkard war gerade daran, ein neues Bild zu
entwerfen, wie David vor der Bundeslade tanzt und Laute
ſpielt, — er ſchaute nicht auf. Schweigend verließ Ekkehard
ſeine Künſtlerſtube.
Er wandte ſich zur Bibliothek, den Virgil auszuleſen. Wie
er droben ſtand im hochgewölbten Saal, einſam unter den
ſchweigenden Pergamenten, da kam ein Gefühl der Wehmut
über ihn; auch das Lebloſe ſtellt ſich bei Abſchied und Wieder⸗
ſehen vor den Menſchen, als trüg's eine Seele in ſich und nähme
Anteil an dem, was ihn bewegt.
Die Bücher waren ſeine beſten Freunde. Er kannte ſie alle
und wußte, wer ſie geſchrieben; — manche der Schriftzüge
erinnerten an einen vom Tode ſchon entführten Gefährten..
Was wird das neue Leben beſcheren, das von morgen für
mich anhebt? Eine Träne ſtand ihm im Auge. Itzt fiel ſein
Blick auf das kleine in metallene Decke gebundene Gloſſarium,
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