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74 Fünftes Kapitel.
Sankt Gallus behüte und ſchirme Euch, ſagte Thieto. Ich
will für Euch beten. Gebt mir meinen Stab.
Ekkehard wollte ihm ſeinen Arm bieten, den lehnte er ab;
er erhob ſich und ſchritt zu einer Niſche in der Wand, dort ſtund
ein ſchmucklos Fläſchlein. Er nahm's herab und gab's ihm:
's iſt Waſſer aus dem Jordan, das ich ſelber einſt geſchöpft.
Wenn Euch der Staub der Welt überflogen hat und Eure Augen
trüb werden wollen, ſo läutert Euch damit. Meinen hilft's nicht
mehr. Fahret wohl!
Am Abend desſelben Tages ging Ekkehard auf den Berg, an
den ſich das Kloſter anlehnt. Seit langer Zeit war das ſein
Lieblingsgang. In den Fiſchweihern, die dort zur Spendung
klöſterlicher Faſtenſpeiſe künſtlich angelegt ſind, ſpiegelten ſich
die Tannen; ein leiſer Luftzug kräuſelte die Wellen, die Fiſche
tummelten ſich. Lächelnd ging er vorüber: Wann werd' ich
wohl wieder einen von euch verzehren?
Im Tannenwald oben auf dem Freudenberg war's feierlich
ſtill. Da hielt er an. Ein weites Rundbild tat ſich auf.
Zu Füßen lag das Kloſter mit all ſeinen Gebäuden und
Ringmauern; hier ſprang der wohlbekannte Springquell im
Hofe, dort blühten die Herbſtblumen im Garten — dort in
langer Reihe die Fenſter der Kloſterzellen, er kannte jedwede
und ſah auch die ſeinige: „Behüt' Dich Gott, ſtilles Gelaß!“
Der Ort, wo Tage ſtrebſamer Jugend verlebt wurden, wirkt
wie Magnetſtein aufs Herz; es braucht ſo wenig, um ange⸗
zogen zu ſein, nur der iſt arm, dem das große Treiben der Welt
nicht Zeit vergönnt, ſich örtlich und geiſtig an einem ſtillen
Platz niederzulaſſen.
Ekkehard hob ſein Auge. Hoch aus der Ferne, wie reiche
Zukunft, glänzte des Bodenſees Spiegel herüber, in verſchwom⸗
menen Duft war die Linie des anderſeitigen Ufers und ſeiner
Höhenzüge gehüllt, nur da und dort haftete ein heller Schein
und ein Widerſchein im Waſſer, die Niederlaſſungen der Men⸗
ſchen andeutend.
„Aber was will das Dunkel in meinem Rücken?“ Er ſchaute
ſich um, rückwärts hinter den tannigen Vorbergen reckte der
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