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84 Sechſtes Kapitel.
Kirche eine einſtündige Abendandacht verrichten: dann ſeid als
Gaſtfreund willkommen!
Dem Abte erging es mit ſeinem Schiedsſpruch wie manchem
gerechten Richter. Keiner der Beteiligten war zufrieden; ſie
gehorchten, aber unverſöhnt. Wie Ekkehard in der Kirche ſein
Sühngebet tat, mochten ihm allerlei Gedanken durch die Sinne
ziehen vom guten Herzen, vom rechtzeitigen Eifer und von
andrer Leute Urteil drüber. Es war eine der erſten Lehren,
die er im Zuſammenſtoß mit Menſchen erlitt. Durch eine
Seitenpforte ging er ins Kloſter zurück.
Was Kerhildis, die Obermagd, an jenem Abend den dienſt⸗
baren Frauen im Nähſaal zu Oberzell erzählte, allwo ſie beim
flackernden Scheine des Kienſpans ein Dutzend neue Mönchs⸗
gewänder zu fertigen hatten, war mit ſo beleidigenden Aus⸗
fällen gegen die Jünger des heiligen Gallus untermiſcht, daß
es beſſer verſchwiegen bleibt ...
Sechſtes Kapitel.
Moengal.
Um dieſelbe Zeit, da Ekkehard in der Kloſterkirche der Inſel
eine unfreiwillige Andacht abhielt, war Frau Hadwig auf dem
Söller von Hohentwiel geſtanden und hatte lange hinausge⸗
ſchaut — aber nicht nach der untergehenden Sonne. Die ging
ihr im Rücken, hinter den dunkeln Bergen des Schwarzwaldes
zur Ruhe. Frau Hadwig aber ſchaute erwartungsvoll nach
dem Unterſee und nach dem Pfad, der von ſeinem Ausgang
ſich dem Hohentwieler Fels entgegen zog. Die Ausſicht ſchien
ihr nicht zu genügen; wie's dunkel ward, ging ſie unwillig ¹⁰3)
zurück, ließ ihren Kämmerer rufen und verhandelte lang mit
ihm ...
Am frühen Morgen des andern Tages ſtund Ekkehard ge⸗
rüſtet zu weiterer Fahrt an der Schwelle des Kloſters. Der
Abt war auch ſchon wach und machte einen Frühgang im Gärt⸗
lein. Der Richterernſt des geſtrigen Tages lag nicht mehr auf
ſeiner Stirne. Ekkehard ſagte ihm Valet. Da raunte ihm der
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