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Moengal. 85
Abt lächelnd ins Ohr: Seliger, der du eine ſolche Schülerin
die Grammatik lehren darfſt! Das ſchnitt in Ekkehards Herz.
Eine alte Geſchichte ſtieg in ſeiner Erinnerung auf, — auch in
den Kloſtermauern gab's böſe Zungen und überlieferte Stück⸗
lein, die von einem zum andern die Runde machten.
Ihr gedenket wohl der Zeit, heiliger Herr, ſprach er höh⸗
niſch, da Ihr die Nonne Clotildis in der Dialektik unter⸗
richtet ¹04) ²
Damit ging er hinab zu ſeinem Schiffe. Der Abt hätte lieber
ein Büchslein mit Pfeffer zum Frühmahl eingenommen als
dieſe Erinnerung. Glückliche Reiſe! rief er dem Scheidenden
nach.
Von dieſer Zeit hatte Ekkehard es mit den Reichenauer
Kloſterleuten verdorben. Er ließ ſich's nicht kümmern und fuhr
mit ſeinem Ermatinger Fergen den Unterſee hinab.
Träumeriſch ſchaute er aus ſeinem Schifflein hinaus ins
Weite. Im durchſichtigen Duft des Morgens wogte der See,
zur Linken hoben ſich die ſchlanken Türmchen von Eginos
Klauſe Niederzell, — dort ſtreckt das Eiland ſeine letzten Spitzen
ins Gewäſſer hinaus, eine ſteinerne Pfalz ſchaute aus den
Weidenbüſchen vor — aber Ekkehards Blick haftete auf der
Ferne, der er zuſteuerte; groß, ſtolz, in ſteiler kecker Linie trat
ein felſiger Bergrücken aus dem Gehügel des Ufers vor, gleich
dem Gedanken eines Geiſtesgewaltigen, der wuchtig und taten⸗
ſchwer flache Umgebung überragt, die Frühſonne warf helle
Streiflichter auf Felskanten und Gemäuer. Fern zur Rechten
hoben ſich etliche niedere Kuppen von gleicher Form, beſcheiden,
als wären ſie Feldwachen, die der Große ausgeſendet.
Der Hohentwiel! ſprach der Fährmann zu Ekkehard. Der
hatte das Ziel ſeiner Fahrt in früheren Tagen noch niemals
erſchaut, aber es brauchte des Schiffers Wort nicht, um's ihm
zu ſagen. So mußte der Berg ſein, den ſie zu ihrem Sitze er⸗
koren. Eine ernſte Stimmung kam über Ekkehard. Züge des
Gebirges, weite Flächen Waſſer und Himmel, große Land⸗
ſchaft wirkt jederzeit Ernſt im Gemüt, nur des Menſchen Ge⸗
trieb ruft ein Lächeln auf des Beſchauers Lippe. Er gedachte
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