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86 Sechſtes Kapitel.
des Apoſtels Johannes, wie der einſt der Felſeninſel Patmos
entgegengefahren und wie ihm dort eine Offenbarung aufge⸗
gangen...
Der Fährmann ſteuerte rüſtig vorwärts. Schon waren ſie
dem Ufervorſprung, der die Zelle Radolfs und die wenig um⸗
liegenden Behauſungen trägt, nahe. Da trieb ein ſeltſam
Schifflein im See, roh, ein hohler Baumſtamm, aber ganz ver⸗
deckt und überbaut mit grünem Gezweig und Schilfrohr, und
war kein Ruderer zu erſchauen, der es lenkte. Der Wind ſchau⸗
kelte es dem Geröhricht am Geſtade entgegen.
Ekkehard hieß ſeinen Fergen das abſonderliche Fahrzeug an⸗
halten. Da ſtieß derſelbe mit ſeiner Ruderſtange in die grüne
Verhüllung.
Peſt und Ausſatz Euch ins Gebein! fluchte es mit tiefer
Stimme aus der Höhlung hervor, oleum et operam perdidi,
Hopfen und Malz iſt verloren. Wildgans und Kriekente ſind
des Teufels!
Ein Zug Waſſervögel, der mit heiſerem Geſchnatter in der
Nähe aufſtieg und landeinwärts flog, beſtätigte des Fluchen⸗
den Ausſpruch.
Im Buſchwerk des Schiffleins aber kniſterte es und hob ſich
auf, ein wettergebräuntes, runzeldurchfurchtes Antlitz ſchaute
herüber, um den Leib ſchmiegte ſich ein verblichen geiſtlich
Kleid, das, an den Knien mit unſicherem Meſſerſchnitt ge⸗
kürzt, zerzauſt herabhing; im Gürtel ſtak ein Köcher ſtatt des
Roſenkranzes, die geſpannte Armbruſt lag auf des Schiffleins
Vorderteil.
Peſt und Ausſatz — wollte des Fahrzeugs Inſaſſe noch⸗
mals anheben, da ſchaute er Ekkehards Tonſur und Benedik⸗
tinergewand und änderte den Ton: Hoiho! salve confrater!
Beim Bart des heiligen Patrik von Armagh, ſo mich Euer
Fürwitz noch eine Viertelſtunde länger ungehindert gelaſſen,
könnt' ich Euch zu einem weidlichen Biſſen Seewildbret ein⸗
laden. Mit Bewegung ſchaute er den in die Ferne ſtreichenden
Wildenten nach.
Ekkehard aber hob lächelnd den Zeigefinger: Ne clericus
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