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Moengal. 87
venationi incumbat! Kein Geweihter des Herrn ſoll der Jagd
pflegen ¹⁰5).
Stubenweisheit, rief der andre, gilt nicht bei uns am Un⸗
terſee. Seid Ihr etwann geſendet, beim Leutprieſter zu Ra⸗
dolfszelle Kirchenſchau zu halten?
Beim Leutprieſter von Radolfszelle? frug Ekkehard. Steht
hier der Bruder Marcellus vor mir? Er tat einen Seiten⸗
blick auf des Weidmanns rechten Arm, an dem ſich die Kutte
zurückgeſtreift hatte; in rauhen Linien war ein von einer
Schlange umwundenes Heilandbild eingeätzt und ſtund mit
punktierten Buchſtaben drüber Christus vindex ¹06).
Bruder Marcellus? lachte der Gefragte und ſtrich mit der
Hand über die Stirn, kuimus Troes, willkommen in Moengals
Revier!
Er ſtieg aus ſeinem hohlen Baum in Ekkehards Schiff hin⸗
über: Der heilige Gallus ſoll leben! ſprach er und küßte ihn
auf Wange und Stirn, laſſet uns ans Land fahren, Ihr ſeid
mein Gaſt, wenn auch ohne Wildenten.
Euch hab' ich mir anders vorgeſtellt, ſprach Ekkehard. Das
war kein Wunder.
Nichts gibt ein falſcher Bild von Menſchen, als nach ihnen
an denſelben Ort kommen, wo ſie einſtens gewirkt, vereinzelte
Reſte ihrer Tätigkeit ſehen und aus dem Gerede der Zurück⸗
gebliebenen ſich eine Vorſtellung des Weggegangenen ſchaffen.
Tiefſtes und Eigenſtes bleibt Dritten meiſt unbeachtet, auch
wenn's offen zu Tag liegt, in der Überlieferung ſchwindet's
ganz. Als Ekkehard ins Kloſter trat, war der Bruder Mar⸗
cellus ſchon nach der verlaſſenen Zelle Radolfs als Pfarr⸗
herr abgegangen. Etliche zierlich geſchriebene Urkunden, Ci⸗
ceros Buch von den Pflichten und ein lateiniſcher Priscianus
mit iriſcher Schrift zwiſchen den Zeilen erhielten ſein An⸗
denken. Viel verehrt lebte ſein Name noch an der innern
Kloſterſchule, er war der tüchtigſten Lehrer einer geweſen, tadel⸗
los ſein Wandel. Seither war er in Sankt Gallen verſchollen.
Darum hatte ſich Ekkehard ſtatt des Weidmanns im See einen
ernſten hagern blaſſen Gelehrten erwartet.
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