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88 Sechſtes Kapitel.
Das Geſtad von Radolfs Zelle war erreicht; eine dünne,
nur auf einer Seite geprägte Silbermünze ſtellte den Fähr⸗
mann zufrieden ¹⁰7). Sie gingen ans Land. Wenig Häuſer und
ſchmuckloſe Fiſcherhütten ſtanden um das Grabkirchlein, das
Radolfs Gebeine birgt.
Wir ſind an Moengals Pfarrhaus, ſprach der Alte, tretet
ein. Ihr werdet hoffentlich dem Biſchof zu Konſtanz keinen
Bericht von meinem Hausweſen erſtatten, wie jener Dekan
von Rheinau, der behauptete, er habe bei mir Krüge und
Trinkhörner von einer jedem Zeitalter verhaßten Größe er⸗
ſchauen müſſen 1¹⁰8). L
Sie traten in eine holzgetäfelte Halle. Hirſchgeweih und
Auerochſenhörner hingen über dem Eingang, Jagdſpieße, Leim⸗
ruten, Fiſchgarne lehnten in maleriſcher Unordnung an den
Wänden, an das umgeſtürzte Fäßlein im Winkel ſchmiegte
ſich der Würfelbecher: wäre es nicht des Leutprieſters Be⸗
hauſung geweſen, ſo hätte füglich auch der Förſter des kai⸗
ſerlichen Bannwaldes hier wohnen können.
In kurzem ſtund ein Krug ſäuerlichen Weines auf dem
Eichentiſch, auch Brot und Butter lieferte die Vorratskam⸗
mer. Dann kam der Leutprieſter aus der Küche zurück, hielt
ſein Gewand wie eine gefüllte Schürze und ſchüttete einen
Platzregen von geräucherten Gangfiſchen vor ſeinen Gaſt. Heu,
quod anseres fugasti antvogelosque et horotumblum! Weh,
daß du mir die Wildgänſe verſcheucht und die Enten ſamt der
Rohrdommel ¹⁰²)] ſprach er, aber wenn einer nur die Wahl zwi⸗
ſchen Gangfiſch und gar nichts hat, greift er immer noch zum
erſtern.
Glieder derſelben Genoſſenſchaft ſind ſchnell befreundet. Ein
lebhaft Geſpräch erhob ſich beim Imbiß. Aber der Alte hatte
mehr zu fragen, als Ekkehard beantworten konnte; von ſo man⸗
chem ſeiner alten Mitbrüder war nichts mehr zu berichten, als
daß ſein Sarg eingemauert ſtand bei dem der andern und ein
Kreuz an der Wand und ein Eintrag im Totenbuch die einzige
Spur, daß er gelebt; — die Geſchichten und Späßlein und Klo⸗
ſterfehden, wie ſie vor dreißig Jahren erzählt wurden, waren
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