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Moengal. 95
Sänfte ſtand. Da huben ſie ihren Gefangenen herfür, ſein Fuß
berührte den Boden, es war Gras; — ein Flüſtern ſchlug an
ſein Ohr, als wär' viel Volk in der Nähe verſammelt, der Strick
um ſeine Hände ward gelöſt. Nehmt Euch die Binde von den
Augen! ſprach einer ſeiner Begleiter, er tat's — Herz, jauchze
nicht! er ſtand im Schloßhof von Hohentwiel.. . Fröhlich
rauſchte es im Geäſt der alten Linde, ein zeltartig Getüch war
darein geſpannt, Kränze von Eppich und Weinlaub hingen her⸗
nieder, der Burg Inſaſſen ſtanden gedrängt herum, auf ſteiner⸗
ner Bank ſaß die Herzogin, der purpurdunkle Fürſtenmantel
wallte von den Schultern, mildes Lächeln umſpielte die herben
Züge — itzt erhob ſich die herrliche Geſtalt, ſie ſchritt Ekke⸗
hard entgegen: Willkommen in Hadwigs Burgfrieden! Er
wußte kaum, wie ihm geſchah, und wollte ins Knie ſinken, huld⸗
reich hob ſie ihn empor und winkte dem Kämmerer Spazzo, der
warf ſeinen grauen Reitermantel ab, ging auf Ekkehard zu und
umarmte ihn wie einen alten Freund: Im Namen unſerer Ge⸗
bieterin empfahet den Friedenskuß!
Flüchtig zuckte in Ekkehard der Gedanke: ſoll hier ein Spiel
mit mir geſpielt werden? aber die Herzogin rief ſcherzend:
Ihr ſeid mit gleicher Münze bezahlt. Habt Ihr vor drei
Tagen die Herzogin in Schwaben nicht anders als getragen
über des heiligen Gallus Schwelle kommen laſſen, ſo war's bil⸗
lig, daß auch ſie den Mann von Sankt Gallen in ihr Schloß
tragen ließ.
Und Herr Spazzo ſchüttelte ihm nochmals die Hand und
ſprach: Nichts für ungut, es war ſtrenger Befehl ſo! — Er
hatte erſt den Üüberfall befehligt und wirkte itzt zum herzlichen
Empfang, beides mit gleich unveränderter gewichtiger Miene,
denn ein Kämmerer muß gewandt ſein und auch das Wider⸗
ſprechende in Form zu bringen wiſſen.
Ekkehard lächelte: Für einen Scherz, ſagte er, habt Ihr's
recht ernſthaft ausgeführt. Er gedachte dabei insbeſondere, wie
ihm einer der Reitersmänner, da ſie ihn in die Sänfte warfen,
mit erzbeſchlagenem Lanzenſchaft einen ſchweren Stoß in die
Seite verſetzt. Das ſtand freilich nicht in der Herzogin Befehl,
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