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Virgilius auf dem hohen Twiel. 97
Darüber hatte ſich nun Ekkehard keine Sorgen zu machen,
denn die Herzogsburg auf dem Twiel lag luftig und hoch und
einſam, — aber ganz zufrieden war er auch nicht, als ihm
Frau Hadwig tags nach ſeiner Ankunft ſeinen Wohnſitz anwies.
Es war ein groß luftig Gemach mit ſäulendurchteiltem Rund⸗
bogenfenſter, aber an demſelben Gang gelegen, an den auch der
Herzogin Saal und Zimmer ſtießen. Der Eindruck, den einer
aus abgeſchiedener Kloſterzelle mitnimmt, läßt ſich nicht über
Nacht verwiſchen. Und Ekkehard gedachte, wie er oftmals möge
von ſeiner Betrachtung abgezogen werden, wenn geharniſchter
Fußtritt und Sporenklang oder leiſes Huſchen dienender Mägde
an ſeiner Tür vorüberſtreife, oder wenn er ſie ſelber, die Herrin
der Burg, möge einher gehen hören — unbefangen wandte er
ſich an Frau Hadwig: Ich hab' ein Anliegen, hohe Frau!
Redet, ſagte ſie mild.
Möchtet Ihr mir nicht zu ſotanem Gelaß ein fern gelegen
Stüblein zuweiſen, — und wenn's unterm Dach oder in einem
der Warttürme wäre. Der Wiſſenſchaft wie des Gebetes Pflege
heiſcht einſame Stille, Ihr kennet ja des Kloſters Brauch.
Da legte ſich eine leiſe Falte über Frau Hadwigs Stirn,
eine Wolke war's nicht, aber ein Wölklein. Ihr ſehnet Euch
danach, oftmals allein zu ſein? frug ſie ſpöttiſch. Warum ſeid
Ihr nicht in Sankt Gallen geblieben?
Ekkehard neigte ſich und ſchwieg.
Halt an, rief Frau Hadwig, es ſoll Euch geholfen werden.
Seht Euch das Gelaß an, in dem Vincentius, unſer Kapellan,
bis an ſein ſelig End gehauſt hat, der hat auch ſo einen Raub⸗
vogelgeſchmack gehabt und war lieber der höchſte auf Twiel
als der bequemſte. Praxedis, hol den großen Schlüſſelbund
und geleite unſern Gaſt.
Praxedis tat nach dem Gebot. Das Gemach des ſeligen Ka⸗
pellans war hoch oben im viereckigen Hauptturm der Burg;
langſam ſtieg ſie mit Ekkehard die finſtere Wendeltreppe hinauf,
der Schlüſſel knarrte ſchwer im lang nicht gedrehten Schloß.
Sie traten ein. Da ſah's gut aus.
Wo ein gelehrter Mann gehauſt, braucht's ein Stück Zeit,
Scheffel. v/ vI. 7
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