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Virgilius auf dem hohen Twiel. 101
Frau Hadwig fort. Auf, Praxedis, die Hände gerührt und vor
allem das Taubenvolk verjagt!
Ekkehard wollte es wagen, ein Wort für die Tauben ein⸗
zulegen.
Ei ſo, ſprach Frau Hadwig, Ihr wünſchet allein zu ſein und
Tauben zu hegen. Soll man Euch nicht auch eine Laute an die
Wand hängen und Roſenblätter in Wein ſtreuen? Gut, wir
wollen ſie nicht verjagen; aber heute abend ſollen ſie gebraten
unſern Tiſch zieren.
Praxedis tat, als habe ſie nichts gehört.
Wie war's mit dem reinen Griechiſch? frug nun die Her⸗
zogin. Unbefangen erzählte ihr Ekkehard, um was er die Grie⸗
chin angegangen, da zogen die Stirnfalten wieder bei Frau
Hadwig auf: Wenn Ihr ſo wißbegierig ſeid, ſo mögt Ihr mich
fragen, ſagte ſie, auch mir iſt die Sprache geläufig. Ekkehard
ſprach nichts dagegen. In ihrer Rede lag meiſtens eine Schärfe,
die das Wort der Erwiderung im Munde abſchnitt. —
Die Herzogin war ſtreng und genau in allem. Schon in den
erſten Tagen nach Ekkehards Ankunft entwarf ſie einen Plan,
in welcher Art ſie zur Erlernung der lateiniſchen Sprache vor⸗
ſchreiten wolle. Da fanden ſie es am beſten, eine Stunde des
Tages der löblichen Grammatik zu beſtimmen, eine zweite der
Leſung des Virgilius. Auf letztere freute ſich Ekkehard ſehr,
er gedachte ſich zuſammen zu faſſen und mit Aufbietung von
Wiſſen, Schärfe und Feinheit der Herzogin die Pfade des Ver⸗
ſtändniſſes zu ebnen.
Es iſt doch kein unnütz Werk, ſprach er, was die alten Poeten
getan; wie mühſam wäre es, eine Sprache zu erlernen, wenn ſie
uns nur im Wörterbuch überliefert wäre, wie die Getreidekör⸗
ner in einem Sack, und wir die Mühe hätten, Mehl daraus zu
mahlen und Brot daraus zu backen.. . Der Poet aber ſtellt alles
wohlgefügt an ſeinen Platz, da iſt fein erſonnener Plan und
Inhalt, und die Form klingt lieblich drein wie Saitenſpiel;
woran wir uns ſonſt die Zähne auszubeißen hätten, das ſchlür⸗
fen wir aus Dichters Hand wie Honigſeim, und es ſchmeckt ſüße.
Das Herbe der Grammatik zu lindern, wußte Ekkehard keinen
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