http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0103
102 Siebentes Kapitel.
Ausweg. Für jeden Tag ſchrieb er der Herzogin die Aufgabe
auf ein Pergamentblatt, die war des Lernens begierig, und
wenn die Frühſonne über dem Bodenſee aufſtieg und ihre erſten
Strahlen auf den hohen Twiel warf, ſtund ſie ſchon in des Fen⸗
ſters Wölbung und lernte, was ihr vorgeſchrieben war, leiſe und
laut, bis zu Ekkehards Saal klang einſt ihr einförmig Herſagen:
amo, amas, amat, amamus.
Praxedis hatte ſchwere Stunden. Sich zur Anregung, aber
ihr zu nicht geringer Langeweile, befahl ihr Frau Hadwig,
jeweils das gleiche Stück Grammatik zu lernen. Kaum Schü⸗
lerin, freute es ſie, mit dem, was ſie erlernt, ihre Dienerin zu
meiſtern, und nie war ſie zufriedener, als wenn Praxedis ein
Hauptwort für ein Beiwort anſah oder ein unregelmäßig Zeit⸗
wort regelmäßig abwandelte.
Des Abends kam die Herzogin hinüber in Ekkehards Ge⸗
mach. Da mußte alles bereit ſein zur Leſung des Virgil,
Praxedis kam mit ihr, und da in Vincentius nachgelaſſenen
Büchern ein lateiniſch Wörterbuch nicht vorhanden war, ward
ſie mit Anfertigung eines ſolchen beauftragt, denn ſie hatte
in jungen Tagen des Schreibens Kunſt erlernt. Frau Hadwig
war deſſen minder erfahren: Wozu wären die geiſtlichen Män⸗
ner, ſprach ſie, wenn ein jeder die Kunſt verſtünde, die ihrem
Stand zukommt? Schmieden ſollen die Schmiede, fechten die
Krieger und ſchreiben die Schreiber, und ſoll kein Durcheinan⸗
der entſtehen. Doch hatte Frau Hadwig ſich wohlgeübt, ihren
Namenszug in künſtlich verſchlungenen großen Buchſtaben den
ſiegelbehangenen Urkunden als Herrin des Landes beizufügen.
Praxedis zerteilte eine Pergamentrolle in kleine Blätter,
zog auf jedes Blatt zwei Striche, alſo daß drei Abteilungen
geſchaffen wurden, um nach Ekkehards Vortrag jedes lateiniſche
Wort einzutragen, daneben das deutſche, in die dritte Reihe das
entſprechende griechiſch. Letzteres war der Herzogin Anord⸗
nung, ihm zu beweiſen, daß die Frauen auch ohne ſeine Bei⸗
hülfe ſchon löbliche Kenntnis erworben.
So begann der Unterricht ¹17).
Die Türe von Ekkehards Gemach nach dem Gang hin hatte
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw5/0103