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104 Siebentes Kapitel.
ſeiner Seele ſtand die hohe Geſtalt der Herzogin, und wenn
er ſie recht ins Auge faßte, ſo ſchaute auch Praxedis' ſchwarz⸗
äugig Köpflein über ihrer Herrin Schulter zu ihm herüber
— was aus all dem noch werden ſoll? Er trat ans Fenſter,
eine kühle Herbſtluft wehte ihm entgegen, ein dunkler eherner
unendlicher Himmel ſpannte ſich über das ſchweigende Land,
die Sterne funkelten, nah, fern, licht, matt; ſo groß hatte er
das Himmelsgewölbe noch niemals erſchaut — auf Berges⸗
gipfeln ändert ſich das Maß der Dinge — lang ſtand er ſo,
da ward's ihm unheimlich, als wollten ihn die Geſtirne hinauf⸗
ziehen zu ſich, als ſollt' er leicht und geflügelt der Stube ent⸗
ſchweben... er ſchloß das Fenſter, bekreuzte ſich und ging
ſchlafen.
Des andern Tages kam Frau Hadwig mit Praxedis, der
Grammatik zu pflegen. Sie hatte Wörter gelernt und Dekli⸗
nationen und wußte ihre Aufgabe. Aber ſie ſchien zerſtreut.
Habt Ihr etwas geträumt? frug ſie den Lehrer, wie die
Stunde abgelaufen war.
Nein.
Geſtern auch nicht?
Nein.
Iſt ſchade, es ſoll eine Vorbedeutung in dem liegen, was
einer in den erſten Tagen am neuen Wohnort träumt... Höret,
fuhr ſie nach einer Pauſe fort, ſeid Ihr nicht ein recht unge⸗
ſchickter Menſch?
Ich? fuhr Ekkehard betroffen auf.
Ihr geht mit Dichtern um, warum habt Ihr nicht einen
anmutigen Traum erſonnen und mir erzählt; Dichtung iſt ſo
viel wie Traum, es hätt' mir Freude gemacht.
Ihr befehlet, ſprach Ekkehard, ſo Ihr mich wieder fraget,
will ich einen Traum erzählen, auch wenn ich ihn nicht ge⸗
träumt habe.
Solcherlei Geſpräch war für Ekkehard neu, unklar.
Ihr habt mir Eure Anſicht vom Virgilius geſtern vorent⸗
halten, ſprach er.
Ja ſo, ſprach Frau Hadwig. Höret, wenn ich Herrin im
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