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108 Achtes Kapitel.
Wenn Euch der Weg wieder herführt, rief die Herzogin, ſo
wählet eine ſchicklichere Stelle zum Eintritt, daß wir nicht ver⸗
ſucht werden, zu glauben, Ihr ſeid AÄneas, der Troer, gerettet
aus libyſcher Woge!
Herr Spazzo trat ſeinen Rückzug an: Äneas, der Troer!
murmelte er im Gang; ‚; hat wieder einmal ein rheinfränkiſ cher
Landfahrer ſich einen erlogenen Stammbaum gemacht? Tro⸗
ja! 19 — umwallender Nebel?... AÄneas, der Troer, wir werden
eine Lanze brechen, wenn wir uns treffen! Mord und Brand!
Achtes Kapitel.
Audifax.
In jener Zeit lebte auf dem Hohentwiel ein Knabe, der
hieß Audifax. Er war eigener Leute Kind, Vater und Mutter
waren ihm weggeſtorben, da war er wild aufgewachſen, und die
Leute hatten ſein nicht viel acht, er gehörte zur Burg wie die
Hauswurz, die auf dem Dach wächſt, und der Efeu, der ſich um
die Mauern ſchlingt. Man hatte ihm aber die Ziegen zu hüten
angewieſen. Die trieb er auch getreulich hinaus und herein
und war ſchweigſam und ſcheu. Er hatte ein blaß Geſicht und
kurz geſchnitten blondes Haupthaar, denn nur der Freigeborene
durfte ſich mit wallenden Locken ſchmücken ¹¹8).
Im Frühjahr, wenn neuer Schuß und Trieb in Baum und
Strauch waltete, ſaß Audifax vergnüglich draußen und ſchnitt
Sackpfeifen aus dem jungen Holz und blies darauf; es war ein
einſam ſchwermütiges Getön, und Frau Hadwig war einmal
ſchier eines Mittags Länge oben auf dem Söller geſtanden und
hatte ihm gelauſcht, vielleicht, daß ihre Stimmung der Melodie
der Sackpfeife entſprach — und wie Audifax des Abends ſeine
Ziegen eintrieb, ſprach ſie zu ihm: Heiſche dir eine Gnade!
Da bat er um ein Glöcklein für eine ſeiner Ziegen, die hieß
Schwarzfuß. Der Schwarzfuß bekam das Glöcklein, ſeither war
in Audifax' Leben nichts von Belang vorgefallen. Aber er
ward zuſehends ſcheuer, im letzten Frühjahr hatte er auch ſein
Pfeifenblaſen eingeſtellt.
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