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Audifax. 115
war ihm fremd. Edelſtein war's nicht; die gelehrten Männer
haben ihn ſpäter Natrolith getauft.
Seht Ihr, daß ich etwas weiß! ſprach Audifax.
Was ſoll ich damit? fragte Ekkehard.
Das wißt Ihr beſſer als ich, Ihr könnt's ſchleifen laſſen
und Eure großen Bücher damit verzieren — gebt Ihr mir jetzt
den Zauber?
Ekkehard mußte des Knaben lachen. Du ſollſt Bergknappe
werden, ſprach er und wollte gehen.
Aber Audifax hielt ihn am Gewand.
Ihr müßt mich jetzt aus Eurem Buch lehren!
Was?
Den ſtärkſten Spruch..
Eine Anwandlung des Scherzes kam über Ekkehards ernſtes
Antlitz. Komm mit mir, ſprach er, du ſollſt ihn haben, den
ſtärkſten Spruch.
Frohlockend ging Audifax mit ihm. Da ſagte ihm Eklehard
lachend den virgilianiſchen Vers:
Auri sacra fames, quid non mortalia cogis
Pectora? *)
und mit eiſerner Geduld ſagte Audifax die fremden Worte her,
bis er ſie ſprachrichtig dem Gedächtnis eingeprägt.
Schreibt mir's auf, daß ich's auf dem Leib tragen kann,
bat er ihn.
Ekkehard gedachte den Scherz vollſtändig zu machen und
ſchrieb ihm die Worte auf einen dünnen Pergamentſtreif, der
Knabe barg's in ſeiner Bruſttaſche; hoch ſchlug ſein Herz, wie⸗
derum küßte er Ekkehards Gewand — in Sprüngen, wie ſie
die kletterfroheſte Ziege nicht machte, ſprang er aus dem Hofe.
Bei dieſem Kinde gilt Virgilius mehr als bei der Herzogin,
dachte Ekkehard.
Des Mittags ſaß Audifax wieder auf ſeinem Steinblock.
Aber es perlten keine Tränen mehr in ſeinen ſcheuen Augen;
*) Graulicher Hunger nach Golde, wozu nicht zwingſt du der Menſchen
nimmerſattes Gemüt?
8*
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